Anfängerkurs, Lektion 4

Knackig scharf: Fokussierung und Schärfe

Abgesehen von falscher Belichtung gehören zu den häufigsten Foto-Fehlern Bilder, die unscharf oder verwackelt sind. Unschärfe und Verwacklung werden häufig miteinander verwechselt, auch wenn es sich um verschiedene Effekte handelt. Sicherlich trägt es mit zur Verwechslung dieser Begriffe bei, dass man bei Verwacklung auch von Verwacklungs-Unschärfe bzw. Bewegungs-Unschärfe spricht, auch wenn es sich eigentlich nicht um Unschärfe handelt. Daher zunächst einmal eine kurze Erklärung der beiden Begriffe Unschärfe und Verwacklung:

Unschärfe

Fast alle Objektive (zumindest bei höherwertigen Kameras) haben eine Vorrichtung zur Scharfstellung auf das gewünschte Motiv. Entweder wird von Hand scharf gestellt, oder ein Autofokus-System nimmt dem Fotografen diese Arbeit ab.

Dabei kann es natürlich zu Problemen kommen, beispielsweise wenn der Autofokus nicht das gewünschte Motiv „erwischt“, sondern ein anderes im Bild befindliches Objekt. Zum Beispiel einen Fußgänger, der gerade zufällig ins Bild läuft, während man doch das Beethovendenkmal und die Hauptpost in Bonn fotografieren wollte. In solchen Fällen hilft nur ein zweiter Versuch – diesmal am besten bei freier ‚Schusslinie’…

Merken sollte man sich, dass Unschärfe (im Gegensatz zu Verwacklung) nichts mit der Verschlusszeit zu tun hat. Das abgebildete Beispiel wurde mit 1/2000 Sekunde fotografiert, da verwackelt selbst bei Schüttelfrost oder Parkinson nichts. Unschärfe entsteht vielmehr meist durch ‚falsche‘ Fokussierung, also eine falsch eingestellte Entfernung am Objektiv.

Natürlich ist Unschärfe nicht immer als ein Fehler anzusehen, sondern kann auch absichtlich als gestalterisches Mittel eingesetzt werden, wie z.B. bei meinen gefürchteten Glaskugel-Fotos oder bei diesem Mailand-Foto von meiner Homepage, bei dem der Hintergrund absichtlich in Unschärfe verschwimmt. Auch bei Portraits wird gerne mit einem unscharfen Hintergrund gearbeitet. Mehr dazu später in Lektion 6 über Schärfentiefe.

Verwacklung

Wenn ein Bild trotz richtiger Scharfstellung einen ‚unscharfen‘ Eindruck macht, dann liegt es meist daran, dass es verwackelt ist. Verwacklung entsteht, wenn sich die Kamera während der Verschlusszeit relativ zum Motiv bewegt. Auf dem abgebildeten Foto habe ich es absichtlich übertrieben, und beim Drücken des Auslösers mit der ganzen Kamera eine Nickbewegung gemacht. Die Teelichter hinterlassen so sehr interessante Spuren (Foto anklicken, um es größer zu sehen), aber die ganze Aufnahme erscheint verwischt.

Um Verwacklung zu vermeiden, sollte man entweder eine ausreichend kurze Verschlusszeit wählen, oder ein Stativ verwenden. Natürlich sind eine ‚ruhige Hand‘ beim Fotografieren oder die Verwendung eines Blitzgerätes ebenfalls gute Mittel gegen verwackelte Fotos. Mehr über Verwacklungsunschärfe in der folgenden Lektion 5. Denn hier in diesem Abschnitt soll die Fokussierung, also die korrekte Entfernungs- bzw. Schärfeeinstellung am Objektiv unser Thema sein.

Manuelle Scharfstellung

Auch wenn moderne Kameras mit Autofokus ausgestattet sind, lassen sich Spiegelreflex-Kameras bzw. deren Objektive auch heute noch auf Scharfstellung ‚von Hand‘ umschalten. Denn in gewissen Situationen hat die manuelle Fokussierung durchaus ihre Vorteile gegenüber der Automatik:

Beispielsweise lassen sich durch manuelles Scharfstellen Fehler wie im obigen Beispiel, wo ‚versehentlich‘ (okay, ich geb’s zu, es war natürlich Absicht für diesen Fotokurs) auf das falsche Objekt scharfgestellt wurde, einfach vermeiden. Auch kann es sein, dass der Autofokus bei schwachen Lichtverhältnissen und einem Motiv mit geringen Kontrasten Probleme hat, korrekt scharfzustellen. Da bietet es sich unter Umständen an, den Autofokus einfach abzuschalten.

Ältere Spiegelreflexkameras haben zur Scharfstellung meist einen eingebauten Schnittbildindikator (und Mikroprismenring). In der Mitte der Sucher-Mattscheibe sieht man zwei Halbkreise, die das Motiv versetzt zeigen, solange nicht darauf scharfgestellt ist. Wenn korrekt fokussiert ist, sieht man das Motiv durchgehend, also ohne seitlichen Versatz. Ich habe versucht, diesen Effekt in den folgenden Abbildungen nachzuahmen.

Schnittbildindikator

Bei moderneren Autofokus-Kameras wird dieser praktische Schnittbildindikator leider meist nicht mehr eingebaut. Dafür sieht man jedoch auf der Mattscheibe die Autofokus-Messfelder, die auch beim manuellen Fokussieren kurz aufleuchten, wenn man die richtige Scharfstellung gefunden hat.

Autofokus

Der Autofokus moderner Spiegelreflexkameras ist für die meisten fotografischen Anwendungen eine echte Arbeitserleichterung. In vielen Situationen findet er die richtige Fokussierung weitaus schneller und/oder präziser, als dies mit manueller Scharfstellung möglich ist.

Dennoch sollte man ein wenig Grundwissen über die Arbeitsweise des Autofokus mitbringen, um effektiv damit arbeiten zu können. Denn die automatische Scharfstellung ist ja keine Zauberei, sondern ein Werkzeug, dessen richtige Handhabung wie immer gelernt sein will.

Die Abbildung zeigt ein Fotomotiv, wie es bei Blick durch den Sucher und halb durchgedrückter Auslösetaste an der Canon EOS 20D erscheint. Die Autofokus-Messfelder dieser Kamera erscheinen auf der Mattscheibe als 9 Kästchen, von denen eines oder mehrere rot aufleuchten, wenn dort korrekt fokussiert ist.

Bei anderen Spiegelreflex-Kameras ist die Anordnung der AF-Messfelder unterschiedlich – meine ‚analoge‘ EOS 5 beispielsweise hat 5 Messfelder in einer waagerechten Reihe. Über die Bedientasten der Kamera lässt sich auswählen, ob alle AF-Messfelder aktiv sind, oder nur ein bestimmtes Messfeld.

Hier hat sich in der Praxis herausgestellt, dass es viele Fotografen bevorzugen, nur das zentrale Autofokus-Messfeld voreingestellt zu haben. Erstens hat es bei vielen Kameras eine höhere Genauigkeit als die anderen Felder, und zweitens passiert es dann auch nicht so leicht, dass der Autofokus das falsche Objekt ‚erwischt‘ – ähnlich wie im ersten Bildbeispiel auf dieser Seite.

Dieses Scharfstellen auf die Bildmitte trägt vermutlich zu dem weitverbreiteten Vorurteil bei, Autofokus-Fotografen würden sozusagen auf allen Bildern immer das Hauptmotiv langweilig in der Mitte platzieren. Aber auch der Schnittbild-Indikator an Kameras mit manuellem Fokus befindet sich ja mittig auf der Mattscheibe. Und genauso, wie der manuell fokussierende Fotograf zwischen Scharfstellung und Auslösung noch den Bildausschnitt durch Schwenken der Kamera korrigieren kann, kann dies der Autofokus-Benutzer ebenfalls. Bei halb durchgedrückter Auslösetaste speichert die Kamera die eingestellte Fokussierung und man kann entsprechend schwenken. Bei dem abgebildeten Grashüpfer habe ich allerdings darauf verzichtet, weil ich nicht wusste, wie lange er (bzw. mein Arm) ruhig halten würde. Den endgültigen Bildausschnitt für die Galerie habe ich erst bei der Nachbearbeitung am PC festgelegt – Grashüpfer leicht außermittig…

Autofokus-Modi

Das Autofokus-System moderner Spiegelreflex-Kameras lässt verschiedene Einstellungen zu, die ich hier kurz am Beispiel der Canon-EOS-Kameras erläutern werde. Je nach Motiv-Situation sollte man sich für den passenderen Autofokus-Modus entscheiden:

Schärfepriorität „ONE SHOT“: In der Einstellung „One Shot“ wird erst ausgelöst, nachdem mindestens eines der Autofokus-Messfelder die korrekte Scharfstellung gemeldet hat. Man drückt also den Auslöser halb durch, während man das Motiv an der passenden Stelle anvisiert. Die Fokussierung wird dann gehalten, solange man den Auslöser halb gedrückt hat. Auslösen kann man erst, wenn der Autofokus was zum Scharfstellen gefunden hat. Dieser Modus ist vor allem geeignet für Objekte, die sich nicht bewegen.

Auslösepriorität „AI SERVO“: Bei ‚Actionfotos‘ mit schnellen Bewegungen kommt „Ai Servo“ zum Einsatz. In diesem Modus fokussiert die Kamera ständig nach, solange man den Auslöser halb gedrückt hält. Es lässt sich auch auslösen, wenn evtl. noch nicht exakt scharfgestellt ist. Sofern es einem gelingt, das AF-Messfeld immer auf dem Objekt zu halten, ist es meist ziemlich genau in der Schärfezone. Gerät das aktive Autofokus-Messfeld jedoch auf den Hintergrund (wie im Beispiel fast geschehen), dann würde die Kamera natürlich beginnen, dorthin zu fokussieren.

Darüber hinaus gibt es noch den Modus „AI FOCUS“, der genaugenommen aber keinen eigenen Modus darstellt, sondern eine Kombination der beiden beschriebenen Modi ist. Die Kamera erkennt in diesem Falle selber, ob es sich um ein statisches oder um ein bewegtes Motiv handelt, und schaltet den Autofokus daher in die (ihrer Meinung nach) passendere Betriebsart um. Praktisch vor allem für diejenigen, die den Knopf zum Umschalten nie finden. :-)

Nachdem wir nun die Grundlagen von Schärfe und Fokussierung betrachtet haben, geht es in Lektion 5 dieses Fotokurses etwas ausführlicher um den oben schon angesprochenen Begriff der Verwacklung. Denn richtig eingesetzt, lassen sich durch absichtliches Verwischen durchaus Effekte erzielen, die fotografisch interessant sind.

Echt scharf: Bonn in der Glaskugel

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7 Antworten zu Anfängerkurs, Lektion 4

  1. Pingback: Anfängerkurs, Lektion 5 | Rolands Fotokurs

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  4. RoFrisch schreibt:

    Die 10 Leserkommentare zu diesem Artikel im alten Fotokurs können hier nachgelesen werden:
    http://www.rofrisch.de/fotokurs/kommentare-extypo3/02ak04-schaerfe.htm

  5. Pingback: Architekturfotos | Rolands Fotokurs

  6. Pingback: Fotos ohne Linse | Rolands Fotokurs

  7. Katharina Mehmann schreibt:

    ganz herzlichen Dank zu diesem Fotokurs. Ich habe schon Fotokurse belegt, aber der ist um einiges besser und detaillierter. Ich finde es sehr menschlich, dass es Leute gibt wie Sie die das kostenlos zur Verfügung stellen. Hut ab und nochmals danke dass wir von Ihrem Know whow profitieren dürfen.
    Katharina Mehmann

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