Anfängerkurs, Lektion 7

Schnelle und langsame Filme: Die Filmempfindlichkeit

Wie bereits in der ersten Lektion gezeigt wurde, hängt die richtige Belichtung sowohl von der Verschlusszeit als auch von der Blende der Aufnahme ab. Es ist also sowohl entscheidend, wie lange das Licht auf den Film bzw. auf den Bildsensor fällt, als auch, wie groß die Öffnung ist, durch die das Licht eingelassen wird. Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, und dies ist die „Filmempfindlichkeit“ bei analogen Kameras bzw. „ISO-Empfindlichkeit“ bei Digitalkameras. Damit wollen wir uns in dieser und der folgenden Lektion beschäftigen.

Beispiel für Negativfilm mit 3200 ASAAusschnitt aus dem BildBevor wir auf die Einstellung der Empfindlichkeit an Digitalkameras zu sprechen kommen (siehe Lektion 8), schauen wir zunächst einmal in den Analog-Bereich. Das Bild rechts habe ich 1994 in der Sixtinischen Kapelle in Rom mit einem höchstempfindlichen Film fotografiert. Links sieht man einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtfoto, der jedoch das Hauptproblem von Filmen mit höherer Empfindlichkeit sehr deutlich demonstriert: Je empfindlicher der Film ist, desto grobkörniger wird das Foto. Dies hat mit der Struktur der winzigen lichtempfindlichen Silberhalogenidkristalle auf dem Film zu tun: Je größer die Oberfläche jedes einzelnen Kristalls, desto empfindlicher ist der Film. Logischerweise können jedoch größere Kristalle das Bild nicht so fein aufgelöst wiedergeben wie kleinere Kristalle. Das Bild wirkt daher körniger, wenn ein Film mit höherer Empfindlichkeit verwendet wird.

An düsteren Orten, wo man weder mit Blitz noch mit Stativ fotografieren kann bzw. darf, bietet ein hoch- bzw. höchstempfindlicher Film jedoch die Möglichkeit, mit kürzeren Verschlusszeiten zu fotografieren, während Aufnahmen mit einem normal empfindlichen Film aus freier Hand garantiert verwackeln würden.

Das gezeigte Foto stammt von einem Film mit ISO 3200 („Konica SR-G 3200“). Gegenüber einem „Schönwetterfilm“ mit ISO 100 ist er 32mal empfindlicher. Wo also mit einem ISO-100-Film eine Verschlusszeit von 1/2 Sekunde notwendig wäre (was ohne Stativ garantiert verwackelt), kann man Michelangelos „Erschaffung Adams“ mit 1/60 Sekunde noch aus freier Hand fotografieren – sehr zum Ärger der vatikanischen Aufpasser, die auch gleich angelaufen kamen und mir weitere Fotos untersagten, obwohl am Eingang stand, nur Stativ und Blitz seien verboten…

ISO, ASA und DIN

Damit kommen wir auch schon zur Skalierung und Angabe von Filmempfindlichkeiten. Heutzutage üblich ist die ASA- bzw. ISO-Angabe, die (vereinfacht gesagt) die gleiche Skala beschreiben. Auch die DIN-Angabe ist noch verbreitet. Wichtig ist, dass man eine Vorstellung hat, wofür die einzelnen Zahlenwerte stehen. Wenn man die Skalen untersucht, stellt man fest, dass es eigentlich ganz einfach ist. Von links nach rechts verdoppelt sich mit jedem Kästchen die Empfindlichkeit des Films. Wie bei den bereits besprochenen Skalen der Verschlusszeiten kommt es also von links nach rechts bei jedem Kästchen zu einer Halbierung der notwendigen Lichtmenge (d.h. der Wert ändert sich um 1 Blendenstufe):

Tabelle der FilmempfindlichkeitenWie man sieht, wird bei doppelter Filmempfindlichkeit der ISO/ASA-Wert ebenfalls verdoppelt, während der DIN-Wert je Blendenstufe um 3 Schritte aufwärts zählt. (Der DIN-Wert wird übrigens mit einem Grad-Zeichen niedergeschrieben, das aber nicht mitgesprochen wird. Man sagt also „21 DIN“). Wer sich merken kann, dass ISO 100 umgerechnet 21° sind, der kann im Kopf schnell ausrechnen, dass der viermal empfindlichere Film mit ISO 400 bzw. 27° bezeichnet wird. Die Filmempfindlichkeit ISO 100/21° ist heutzutage sozusagen der Standardwert, die ’normalste‘ Filmempfindlichkeit. Daher habe ich diesen Wert in der Tabelle auch fett geschrieben.

Natürlich gibt es auch (ähnlich wie bei den Blenden- und Verschlusszeitenwerten) Zwischenwerte, die nicht auf der obenstehenden Skala eingetragen sind. Beispielsweise gibt es Filme mit ISO 64/19° oder ISO 125/22°, meist Schwarzweiss-Filme und/oder Diafilme. Bei Farbnegativfilmen sind allerdings überwiegend die obigen Werte zwischen ISO 100 und ISO 1600 üblich.

Niedrig-, normal- und hochempfindliche Filme

Bei Kleinbildfilmen sind in der Hobby- und Urlaubsfotografie die Filme ISO 100, ISO 200 und ISO 400 die Gebräuchlichsten. Während man zwischen ISO 100 und 200 auf normalgroßen Papierabzügen gewöhnlich keinen Unterschied in der Feinkörnigkeit erkennen kann, ist es evtl. bei einem ISO-400-Film möglich, dass man schon etwas Filmkorn sieht. Es hängt u. A. von der Größe des Abzugs, aber auch von der Beschaffenheit des Motivs und der Helligkeit der Belichtung ab, wann das Filmkorn sichtbar wird, beziehungsweise ab wann es eventuell auch als störend empfunden wird.

Da mit höherer Empfindlichkeit des Films (man spricht auch von „schnelleren“ Filmen) die Bildqualität also schlechter wird (weniger Detailauflösung, mehr Körnigkeit), sollte man daher den Film so „langsam“ wie möglich, aber so „schnell“ wie nötig wählen. Nimmt man einen zu langsamen Film, kommt es leichter zu Verwacklungen. Hat man jedoch einen unnötig schnellen Film genommen, muss man durch das ‚gröbere‘ Filmmaterial und die stärkere Körnigkeit Abstriche an der Qualität hinnehmen.

Die niedrigempfindlichen Filme (z.B. ISO 25 oder ISO 50) finden aufgrund der notwendigen langen Verschlusszeiten im Hobby-Bereich selten Anwendung. Als normalempfindliche Filme gelten daher heutzutage ISO 100 (der „Sonnenschein-Urlaubsfilm“) und ISO 200 (mein Lieblingsfilm, mit dem man auch bei etwas weniger strahlenden Lichtverhältnissen gut zurecht kommt). Wer schnelle Motive fotografiert (z.B. Sportfotografie) wird vermutlich eher zu einem hochempfindlichen Film (ISO 400, oder seltener ISO 800) greifen, was ihm kürzere Verschlusszeiten ermöglicht.

Höchstempfindliche Filme

Die höchstempfindlichen Filme bringen (wie oben am Beispiel Adams zu sehen) deutliche Qualitätseinbußen, so dass sie wirklich nur dann eingesetzt werden sollten, wenn es nicht anders geht (wenn beispielsweise Blitz und Stativ nicht erlaubt sind und nur wenig Licht vorhanden ist). Wobei zu betonen ist, dass ein Film mit ISO 1600 noch deutlich weniger Filmkorn zeigt, als meine Experimente mit dem oben bereits gezeigten ISO-3200-Film.

Übrigens habe ich im Sommer 2005 in zwei Fotogeschäften nach höchstempfindlichen Filmen nachgefragt: ISO-1600-Farbnegativfilm wird nach wie vor produziert, aber ISO 3200, mit dem ich 1994 in Rom fotografiert habe, ist offenbar nicht mehr erhältlich. Daher zeige ich Euch noch einige Bilder mit diesen ‚grausam groben Filmkorn‘ – wie ich finde, hat dies durchaus auch seinen eigenen besonderen Reiz. Neben dem Verlust an Detailauflösung und dem deutlich sichtbaren Korn stellt man auch fest, dass dieser Film seine eigene Art hat, mit Farben und Kontrasten umzugehen. Hier also noch ein paar Bilder aus Rom und aus den Vatikanischen Museen (Musei Vaticani), zu denen auch die Cappella Sistina gehört. Meine Hommage an den krassesten Film, den ich je in meiner Kamera hatte, den „Konica SR-G 3200“:

Engelstatue, aufgenommen mit Konica SR-G 3200 Musei vaticani, aufgenommen mit Konica SR-G 3200 Laokoongruppe, aufgenommen mit Konica SR-G 3200

Natürlich sind die Ergebnisse eines einzelnen Farbnegativfilms mit ISO 3200 nicht als repräsentativ anzusehen, zumal die Bilder jeweils nur einen Ausschnitt des Fotos zeigen. Auch kann man daraus nicht ableiten, dass auch im S/W-Bereich das Filmkorn von höchstempfindlichen Filmen ähnlich grob sein muss. Wer es genauer wissen will, kann ja mal ein paar Tests machen und die Ergebnisse hier für den Fotokurs zur Verfügung stellen…

Einstellung der Empfindlichkeit, DX-Codierung

Als Benutzer einer Kleinbildfilm-Kamera oder einer anderen ‚analogen‘ Kamera ist es wichtig, dass die Kamera (bzw. der Belichtungsmesser) korrekt auf die Empfindlichkeit des gerade verwendeten Filmmaterials eingestellt ist. Bei ‚älteren‘ Kameramodellen muss dies von Hand geschehen. Vergisst man es, und legt z. B. einen ISO-400-Film ein, obwohl der Belichtungsmesser noch von ISO 100 ausgeht, werden logischerweise alle Bilder um das Vierfache (2 Blendenstufen) überbelichtet – der Film bräuchte ja eigentlich nur 1/4 des Lichts. Vermutlich ist mit den Bildern dann nicht mehr viel anzufangen, auch wenn Negativfilme im Gegensatz zu Diafilmen den Vorteil mit sich bringen, dass man (nicht allzu große) Unter- bzw. Überbelichtungen bei Herstellung des Papierabzugs ausgleichen kann.

Um solche Fehlbelichtungen durch falsch eingestellte Kameras möglichst zu vermeiden, haben sich die wichtigsten Kleinbildfilmhersteller Anfang der 1980er Jahre auf einen gemeinsamen Standard geeinigt, wie die Kamera schon an der Filmpatrone erkennen kann, welche Empfindlichkeit (und wie viele Aufnahmen) der enthaltene Film hat. Dieses Verfahren nennt sich DX-Codierung. Ein Bestandteil sind ‚Schachbrettcodes‘ auf der Patrone, die von der Kamera erkannt werden können. Genaueres findet sich unter dem Stichwort DX-Codierung in Wikipedia. Als Fotograf muss man sich dank der DX-Codierung meist heute gar nicht mehr um die Einstellung der richtigen ISO-Empfindlichkeit kümmern, da diese automatisch von der Kamera erkannt wird. Ein kurzer Kontrollblick beim Einlegen ist natürlich trotzdem nicht verkehrt. Besonders auf die Einstellung der Filmempfindlichkeit achten muss jedoch derjenige, der eine Kamera hat, die DX-Codes noch nicht unterstützt, oder wer Kleinbildfilme ohne DX-Code verwendet, oder wer nicht Kleinbildfilm (bzw. APS), sondern ein anderes Filmformat verwendet.

Push-Entwicklung

Was macht man aber, wenn man eigentlich einen ISO-400-Film bräuchte, aber in der Tasche hat man nur noch Filme mit ISO 200? Dann bietet sich die Möglichkeit der „Push-Entwicklung“ an: Darunter versteht man, dass der Film bei der Entwicklung so behandelt wird, dass er eine Empfindlichkeit von ISO 400 hat, obwohl es ein ISO-200-Film ist. Natürlich geht das auch mit anderen Filmen, das Pushen von ISO 200 auf ISO 400 ist also nur ein Beispiel. Es kann sogar um zwei Blendenstufen gepusht werden – beispielsweise von ISO 100 auf ISO 400. Allerdings ist beim Pushen um zwei Stufen mit gewissen Qualitätsverlusten zu rechnen.

Natürlich muss man den Film, den man später bei der Entwicklung im Fotolabor pushen lassen möchte, dann so belichten, wie es der gewünschten Filmempfindlichkeit entspricht. Daher muss man die Filmempfindlichkeit an der Kamera in den obengenanten Beispielen manuell auf ISO 400/27° umstellen. In Wirklichkeit wird der Film daher um 1 bzw. 2 Blenden unterbelichtet. Diese Unterbelichtung wird dann durch eine Verlängerung der Zeit im Entwicklerbad ausgeglichen. Foto-Fachlabors werden wissen, welche Entwickler geeignet für Push-Entwicklung sind, und wie dies im einzelnen funktioniert. Logisch, dass man für eine solche Entwicklung einen Aufpreis zahlen muss und dass eine Push-Entwicklung wahrscheinlich nicht beim Discounter um die Ecke zu bekommen ist, sondern eher im Foto-Fachhandel.

Mit der Push-Entwicklung lässt sich evtl. auch ein Film ‚retten‘, der versehentlich mit falsch eingestellter Filmempfindlichkeit belichtet wurde. Stellt man z.B. erst nach 10 oder 15 Aufnahmen fest, dass die Kamera trotz ISO-100-Film noch auf ISO 400 eingestellt ist, dann lässt man am besten für den Rest des Films diese Einstellung bestehen und sucht sich dann zur Entwicklung ein Fotolabor, das den Film um zwei Blendenstufen pusht. Ohne Pushen wären in diesem Fall alle Bilder unterbelichtet, dank Push-Entwicklung erhält man aber doch noch brauchbare Fotos.

Wenn der Film versehentlich überbelichtet wurde (beispielsweise ein ISO-400-Film eingelegt, aber der Belichtungsmesser der Kamera steht noch auf ISO 100), kann dies in gewissen Grenzen auch bei der Entwicklung ausgeglichen werden. Man spricht dann von einer Hold-Entwicklung.

In Wirklichkeit wird übrigens bei Push- und Hold-Entwicklung nicht wirklich die Filmempfindlichkeit verändert, sondern die „Gradationskurve“. Ein auf ISO 400 gepushter Film hat daher eine andere Farbwiedergabe und ein anderes Kontrastverhalten als ein echter ISO-400-Film. Beim Pushen um 1 Blendenstufe fällt dies aber noch nicht so sehr auf, zumindest bei den Negativfilmen, die ich bisher habe pushen lassen.

Wer möchte, kann daher mittels Push-Entwicklung eines ISO-1600-Films ebenfalls Bilder mit ISO 3200 machen und sich über gigantisches Filmkorn mit einer Rauhfasertapeten-Optik freuen. Für den Besuch in der Sixtinischen Kapelle würde ich jedoch eine sehr schnelle und gute Digital-Spiegelreflex empfehlen, die schneller als die vatikanischen Aufpasser ist und auch bei ISO 3200 noch deutlich bessere Fotos macht als ein entsprechend schneller Negativfilm. Doch dazu mehr in Lektion 8, wo es um die Einstellung der ISO-Empfindlichkeit an Digitalkameras geht.

Köln Hauptbahnhof 1995: gröbstkörnixter ISO 3200 SW-Film

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7 Antworten zu Anfängerkurs, Lektion 7

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  6. RoFrisch schreibt:

    Die 11 Leserkommentare zu diesem Artikel im alten Fotokurs können hier nachgelesen werden:
    http://www.rofrisch.de/fotokurs/kommentare-extypo3/02ak07-filmempfindlichkeit.htm

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