Aufbaukurs, Lektion 6

Grundlagen der Portrait-Fotografie

Nachdem es bis zur vorigen Lektion des Aufbaukurses hauptsächlich um Fototechnik ging, wenden wir uns nun endlich einem Thema zur Bildgestaltung zu. In dieser Lektion geht es um die gestalterischen Grundlagen der Portraitfotografie. Freundlicherweise hat Thomas Költgen, der im Raum Xanten und Kamp-Lintfort auch Fotokurse anbietet, die folgenden Bilder seiner Fleißarbeit für Rolands Fotokurs zur Verfügung gestellt. Ich versuche nun, intelligent wirkende Erläuterungen um diese Fotos zu schreiben.

Beginnen wir mit typischen Varianten von Bildausschnitten bei Portraitfotos:

Copyright 2011 by Thomas Költgen

Neben den korrekten „Vokabeln“ kann man an diesen Beispielen gut erkennen, dass Portraitfotografie stärker auf den Menschen schaut, wenn man als Fotograf „Mut zur Nähe“ zeigt. Will man den Menschen in seinem Umfeld (Arbeit, etc.) zeigen, dann bietet sich eher ein Brustbild an. Dagegen eignet sich die angeschnittene Darstellung des Gesichts (bis hin zur Detailaufnahme), um einen unpassenden oder wenig interessanten Hintergrund auszublenden und die Gesichtszüge zu betonen. Bei Verwendung einer längeren Brennweite kann man dies erreichen, auch ohne der portraitierten Person zu stark mit der Kamera „auf die Pelle zu rücken“. Es geht also in obiger Aufnahmeserie weniger um den Aufnahmeabstand, sondern um den Bildausschnitt.

Damit sind wir bei der Frage der Brennweite, die außer dem Bildausschnitt auch die Perspektive bestimmt. Dies war ja schon Thema im Anfängerkurs, Lektion 3: Brennweite und Perspektive. Die folgende Bilderserie von Thomas Költgen zeigt deutlich, wie kürzere Brennweiten dazu führen, dass Gesichter perspektivisch verzerren:

Copyright 2011 by Thomas Költgen

„Seriöse“ Gesichtsbilder entstehen meist mit (Kleinbild-)Brennweiten über 50mm, während man mit kurzen Brennweiten eher einen grotesken Bildausdruck erreicht. Sehr schön kann man an dem Foto mit der kürzesten Brennweite erkennen, dass man für solche Fotos einen vergleichsweise riesigen Hintergrund braucht. Das gleiche Problem hatte ich schon bei meinem Bild „Wallis-Bird-Double„, das sich nur mit Mühe in unserer recht breiten Einfahrt realisieren ließ.

Interessant finde ich auch den Vergleich der folgenden drei Bilder. Obwohl sich die Mimik der Portraitierten wohl nicht verändert hat, haben die Bilder eine unterschiedliche emotionale Wirkung:

Copyright 2011 by Thomas Költgen

Auf Augenhöhe fotografiert, schaut das Model recht neutral, während der Aufwärtsblick aus einer niedrigeren Perspektive einen leichten Anschein von Stolz in das Plastikgesicht zaubert. Fotografiert man aus erhöhter Position, wird ein Eindruck von Schuld, Traurigkeit, Unterwürfigkeit etc. verstärkt. Ich muss zugeben, dass es mich überrascht hat, wie stark der emotionale Ausdruck alleine von der Kameraposition beeinflusst wird. Man gewinnt den Eindruck, Augen und Mundpartie wären tatsächlich verändert – und der betont lang bzw. kurz dargestellte Hals trägt hierzu noch bei.

Auch für unterschiedliche seitliche Perspektiven haben sich bestimmte Namen eingebürgert, die uns Thomas Költgen mit den folgenden Fotos nahebringt:

Copyright 2011 by Thomas Költgen

Bei den seitlichen Portrait-Positionen nehme ich nicht so einen emotionalen Unterschied wahr. Vielleicht hat dies mit unserer Alltagswahrnehmung zu tun, wo wir unsere Mitmenschen oft aus unterschiedlichen Winkeln ansehen, ohne dass dies eine tiefere Bedeutung hätte, während wir vermutlich schon aus der Kindheit gewöhnt sind, einem deutlich größeren Wesen mehr Respekt entgegenzubringen als den kleineren.

Ein Unterschied wird aber deutlich, wenn es um das Verhältnis zwischen Modell und Betrachter (bzw. Fotograf) geht: Eine Frontal-Aufnahme schaut den Betrachter direkt an, man spürt die Interaktion zwischen den beiden Personen vor und hinter der Kamera. Je weiter sich die Person jedoch ins Profil dreht, desto unbeteiligter am Fotografiertwerden wirkt sie; desto schwächer ist das unsichtbare Band zum Betrachter. Es könnte dann genauso ein Schnappschuss von der Seite sein, ohne dass die Person überhaupt gemerkt hat, aufgenommen worden zu sein.

Bevor ich mich hier aber weiter als Hobbypsychologe betätige, beende ich die Lektion an dieser Stelle besser. Gerne könnt Ihr in den Kommentaren angeben, was Ihr zum Thema Portraitfotografie noch für wichtig haltet und welche Fragen unbedingt beantwortet werden sollten.

PS: Thomas Költgen hat noch zwei Bilderserien zur Verfügung gestellt, die in einem extra Blog-Artikel gezeigt werden: Portrait-Beleuchtung: Seitenlicht und Streiflicht.

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6 Antworten zu Aufbaukurs, Lektion 6

  1. Pingback: Aufbaukurs, Lektion 5 | Rolands Fotokurs

  2. Thomas Költgen schreibt:

    Deine Beschreibungen zu den Bildern könnten glatt von mir sein :-)
    Besonders interessant fand ich, dass dein subjektiver Eindruck von dem aus verschiedenen Kamerahöhen fotografierten Gesicht (neutral – stolz – unterwürfig) genau meinem Eindruck entsprechen. Ich hätte sogar die selben Adjektive verwendet.

    Eine kleine Ergänzung zu den Profilen: Beim Profil sollte man immer aufpassen, dass es entweder ein „richtiges“ Profil – wie das letzte Bild – ist oder aber, dass die Nasenspitze innerhalb der Umrisse des Gesichtes (Wangenknochen“ bleibt. Mein Dreiviertelprofil ist hier hart an der Grenze. Sticht die Nasenspitze etwas heraus, ist das meistens unvorteilhaft für die Person. Ach ja, und Die optimalen Brennweiten für ein Portrait, so schreibst du richtig, liegen über 50 mm (KB). Aber ich wäre auch vorsichtig mit über 150 mm. Es entstehen allzuleicht zu flache „Pfannkuchengesichter“. Besonders bei Personen, die sowieso schon eine runde Kopfform haben, ist das kritisch zu sehen. Bei unserem Studiomodel hier, also bei einem schmalen Gesicht, ist das weniger problematisch.

    Viel Spaß weiterhin.
    Wir sehen uns.
    Wir sind ja nicht blind :-)

    LG
    Tom

  3. Maximilian Friedle schreibt:

    Hi

    DANKE mal wieder für den tollen Beitrag. Der Fotokurs hat mich schon so sehr inspiriert und dient und diente als Grundlage für viele Aha-Momente ;)
    Gut wäre es noch die Bedeutung der Tiefenschärfte in der Portraitfotografie hervorzuheben.
    LG
    Max

  4. Pingback: c’t Digitale Fotografie 02-2011 | Rolands Fotokurs

  5. Pingback: Portrait-Beleuchtung | Rolands Fotokurs

  6. sebastianmaass schreibt:

    Sehr anschaulich dargestellt, schon heftig, wie stark sich die Brennweite auswirkt. Ich persönlich verwende 70mm, was in der Regel zu ansprechenden Ergebnissen führt.
    Gruß, Sebastian

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