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Anfängerkurs Fotografie Fotokurs

Anfängerkurs, Lektion 1

Die richtige Belichtung: Verschlusszeit und Blende

Willkommen im ersten Teil von Rolands Fotokurs, der als „Anfängerkurs“ eine einfache und verständliche Erklärung der fotografischen Grundlagen geben soll. Zwar kann dank der Automatikfunktionen heutiger Kameras heutzutage eigentlich jeder auf Anhieb zu ‚brauchbaren‘ Fotos kommen. Zumindest bei normalen Lichtverhältnissen gelingen die meisten Bilder. Aber Aufnahmen im Dunkeln? Oder Aufnahmen von schnell bewegten Objekten? Spätestens in solchen Situationen ist es von Vorteil, wenn man die Grundlagen der Fotografie kennt und weiß, wie man auch in solchen Situationen ansprechende und ausreichend scharfe Fotos machen kann.

Daher kommen wir auch in diesem Fotokurs nicht um ein bisschen Theorie herum. Ich versuche es aber, möglichst einfach zu erklären und die Zusammenhänge wenn möglich mit Bildbeispielen zu zeigen. Die gezeigten Fotos erheben nicht den Anspruch, „perfekte“ Bilder zu sein. Sicherlich gibt es daran auch das eine oder andere auszusetzen. Sie sollen keine Wettbewerbe gewinnen, sondern das jeweilige Thema erläutern.

Unterbelichtung und Überbelichtung

Jeder von uns kennt unterbelichtete und überbelichtete Bilder. Schauen wir uns beispielsweise die folgenden 5 Fotos an. Wie die meisten Bilder in diesem Fotokurs (und auch sonst auf rofrisch.de) kann man die folgende Abbildung vergrößern, indem man sie anklickt.

Das linke Bild ist 1 Blende unterbelichtet, das rechte 1 Blende überbelichtet. Was das genau heißt, wird gleich erklärt. Das mittlere Bild ist jedenfalls das, was die Belichtungs-Automatik der Kamera für die ‚richtige‘ Belichtung hielt. Aber ist es wirklich das Beste?

Während man bei dem Bild ganz links kaum noch Einzelheiten der Kirche erkennen kann, weil es unterbelichet ist, ist bei dem überbelichteten Bild rechts der Himmel nur noch eine weiße Fläche. Mir persönlich gefällt die Zwischenstufe zwischen dem ’normal‘ belichteten und dem um 1 Stufe überbelichteten Bild am besten, also das 2. Foto von rechts, das um eine halbe Blendenstufe heller belichtet ist. Vielleicht liegt’s aber an meinem bzw. Deinem Monitor, wenn Du zu einem anderen Ergebnis kommst.

Die richtige Belichtung eines Fotos hängt davon ab, welche Menge Licht auf den Film (bei ‚analogen‘ Kameras) bzw. auf den Bildsensor (bei Digitalkameras) fällt. Die Lichtmenge kann man regulieren über die Größe der Öffnung vor dem Film (bzw. Chip) und über die Dauer der Öffnung, also wie lange man das Licht darauf fallen lässt.

Erfreulicherweise verhält sich Licht in dieser Hinsicht ganz ähnlich wie z.B. Flüssigkeiten: Ob ich nun das Wasser 20 Sekunden bei vollem Strahl in das Spülbecken laufen lasse, oder 40 Sekunden bei halb geöffnetem Ventil – die Spülwasser-Menge ist die gleiche. Nur ist es bei einem Wasserhahn schwer abzuschätzen, wo genau die halbe Durchflussmenge ist. Die Kamera hingegen kann die Größe der Lichtöffnung und die Dauer der Belichtung sehr präzise steuern.

Verschlusszeit

Zum Glück sind die Zeiten, wo man für normale Alltagsmotive 20 oder 40 Sekunden lang belichten musste, seit etwa 100 Jahren vorbei. Ein Motiv wie die oben abgebildete Kirche (in Köln-Dellbrück) lässt sich beispielsweise in einer Zweihundertfünfzigstel Sekunde (1/250) belichten. Will man das gleiche Motiv nun eine ganze Stufe heller haben, so muss der Kameraverschluss doppelt so lange geöffnet werden. 1/125stel Sekunde ist immer noch ziemlich schnell, aber es landet doppelt so viel Licht auf dem Film (bzw. Bildsensor). Um die Unterbelichtung mit dem ‚dramatisch‘ aussehenden Himmel, die eine ganze Stufe dunkler belichtet ist, zu erzeugen, muss man demnach 1/500 Sekunde belichten. Auch das ist für heutige Kameras kein Problem.

Die Belichtungszeiten an Kameras folgen übrigens genau diesem System, dass sie sich jeweils verdoppeln bzw. halbieren (je nachdem, von welcher Seite man die Skala betrachtet). Hier einmal eine Übersicht über die übliche Skalierung der Belichtungszeiten:

  • 30 Sekunden
  • 15 Sekunden
  • 8 Sekunden
  • 4 Sekunden
  • 2 Sekunden
  • 1 Sekunde
  • 1/2 Sekunde
  • 1/4 Sekunde
  • 1/8 Sekunde
  • 1/15 Sekunde
  • 1/30 Sekunde
  • 1/60 Sekunde
  • 1/125 Sekunde
  • 1/250 Sekunde
  • 1/500 Sekunde
  • 1/1000 Sekunde
  • 1/2000 Sekunde
  • 1/4000 Sekunde
  • 1/8000 Sekunde

Wie man sieht, hat man an einigen Stellen ein wenig gerundet, um auf glatten Zahlen bleiben zu können. Die Hälfte von 1/8 ist ja 1/16 und nicht 1/15, aber in der Praxis spielt dies keine Rolle. Nur ist es wesentlich einfacher, beispielsweise von einer fünfhundertstel Sekunde zu sprechen, als von einer fünhundertzwölftel Sekunde.

Wie das Bildbeispiel mit der Kirche gezeigt hat, sind auch Zwischenwerte zwischen diesen Verschlusszeiten ganz praktisch, um auch eine halbe Stufe über- oder unterbelichten zu können. Diese Zwischenstufen bieten moderne Kameras ebenfalls an. Entweder in halben Stufen oder sogar in Drittelstufen. Um eine Belichtungsreihe wie die 5 Kirchenfotos aufzunehmen, könnte man demnach folgende Verschlusszeiten nehmen:
1/500 · 1/350 · 1/250 · 1/180 · 1/125
Fett geschrieben habe ich zur Verdeutlichung noch einmal die Standard-Verschlusszeiten aus der Tabelle; dazwischen die Zwischenwerte an Kameras, die halbe Stufen dazwischen anbieten.

Übrigens: Auswendig lernen muss man die Verschlusszeiten-Reihe natürlich nicht – nach einiger Zeit kann man sie ganz von selbst auswendig, wenn man seine Kamera oft genug ‚bewusst‘ benutzt. Aber es ist für den Anfang ganz gut und wichtig, wenn man behält, dass z.B. die Kamera-Anzeige „125“ auf eine doppelt so lange Verschlusszeit hinweist wie die Anzeige „250“. Denn die meisten Kameras sparen sich das ‚1/‘ und zeigen beispielsweise nur „60“ statt „1/60“ an, wenn eine Sechzigstel-Sekunde Belichtungszeit gemeint ist.

Blende

Erinnern wir uns an das Beispiel mit dem Spülbecken: Wenn ich weniger Wasser einlaufen lassen will als beim letzten mal, dann kann ich entweder den Hahn früher wieder zu drehen (beispielsweise nach 20 statt nach 40 Sekunden), oder ich kann ihn von Anfang an nur halb aufdrehen. Dann habe ich nach 40 Sekunden wegen der verringerten Durchflussmenge auch nur die Hälfte Wasser im Becken.

Und genau das macht bei der Fotografie die Blende. Sie bestimmt, wie viel Licht in der eingestellten Verschlusszeit beim Auslösen auf den Film oder auf den Bildsensor kommt. Habe ich eine große Blende eingestellt, fließt das Licht wie durch einen voll geöffneten Wasserhahn hindurch. Mache ich die Blende kleiner, fällt logischerweise weniger Licht hindurch. Die Blende ist nichts weiter als ein verstellbares Loch im Objektiv, das sich je nach Wunsch des Fotografen (oder der Kamera-Automatik…) weiter öffnen oder enger schließen kann.

Auch für die Blendenzahlen hat sich eine Skala durchgesetzt, die allerdings zwei kleine Gemeinheiten enthält. Erstens: Je kleiner die Zahl, desto größer die Blendenöffnung. Blende 2,8 ist also wesentlich größer als beispielsweise Blende 16. Sie lässt sogar 32mal mehr Licht durch. Zählt es nach auf der folgenden Skala. Wie bei den Verschlusszeiten ist auch hier von oben nach unten mit jedem Feld eine Halbierung der Lichtmenge gegeben:

  • Blende 1,0
  • Blende 1,4
  • Blende 2,0
  • Blende 2,8
  • Blende 4,0
  • Blende 5,6
  • Blende 8,0
  • Blende 11
  • Blende 16
  • Blende 22
  • Blende 32
  • Blende 45

Die zweite kleine Gemeinheit in der Blendenskala ist, dass eine Verdoppelung bzw. Halbierung der Zahl (z. B. Blende 8 und Blende 16) nicht eine Stufe, sondern gleich zwei Blendenstufen ausmacht, also eine Vervierfachung oder eine Viertelung der Lichtmenge. Dies hat damit zu tun, dass die Blendenzahl etwas über den Durchmesser der Blende aussagt, die Lichtmenge aber von der Fläche der Öffnung bestimmt wird. Und bei doppeltem Durchmesser vervierfacht sich bekanntlich die Fläche eines Kreises.

Übrigens gibt es kaum ein Objektiv, dass die Extremwerte dieser Skala erreicht. Blende 1,0 bleibt für die meisten Fotografen ein eher theoretischer Wert, wenn auch schon Objektive mit dieser Riesen-Blende gebaut wurden. Bezahlbar wird es aber erst im Bereich ab ca. 1,4. Die Standard-Zoomobjektive vieler moderner Spiegelreflex-Kameras beginnen bei einer maximalen Blende von ca. 3,5 bis 5,6 und lassen als kleinste Blende oft ’nur‘ Blende 22 zu.

Meist ist die Blende irgendwo tief im Objektivgehäuse versteckt und verrichtet ihren Job weitgehend unbeobachtet. Beim hier abgebildeten Lensbaby-Objektiv jedoch kann man sich sehr einfach einen Eindruck von den Größenverhältnissen der Blendenöffnungen machen, da die Blende dort durch das Einsetzen einer schwarzen Metallscheibe verändert wird. Ohne eingesetzte Blendenscheibe hat das Lensbaby eine Offenblende von f/2,0 (was bei Brennweite 50mm einem Lochdurchmesser von 25mm entspricht; dazu später mehr).

Die Blendenscheiben (bzw. -ringe) werden mit dem unten auf dem Bild zu sehenden Werkzeug ausgetauscht, das in der Spitze einen Magneten hat, mit dem die Ringe aus dem Lensbaby herausgezogen und eingesetzt werden können. Die gerade nicht benötigten Blenden werden in diesem Gerät aufbewahrt; der graue Deckel erinnert doch sehr an den Deckel einer Filmdose für Kleinbildfilm. Wer also über 200 Euro ausgeben möchte für einen Filmdosendeckel und eine Abflussstöpselschnur, und wer sich vor extrem unscharfen Fotos nicht scheut, dem sei das Lensbaby hiermit besonders empfohlen. :-)

Um zu zeigen, dass sich die Blendenzahlen mit jeder zweiten Blende verdoppeln bzw. halbieren, habe ich die Blendenscheiben im Zickzack abgebildet. Die untere Reihe zeigt (neben der Offenblende 2.0) die Werte 4, 8 und 16. Zwischen diesen Blendenwerten liegen die Werte der oberen Reihe: 2.8, 5.6, 11 und 22.

Je größer die Maximalblende (Offenblende) eines Objektivs ist, desto mehr Licht lässt es also durch. Und um so kürzer kann man demnach die Verschlusszeit wählen. Deshalb haben die Sportfotografen im Fußballstadion meist so riesige Objektive an ihren Kameras. Sie kommen damit auch nicht unbedingt ’näher ran‘ als manch ein Hobbyfotograf mit Teleobjektiv. Aber ihre Bilder verwackeln nicht so leicht, und man sieht einen knackig scharfen Ball und nicht nur eine verwischte Spur des Balles, der sich ja bekanntlich im Flug kaum überreden lässt, mal eben für eine 30stel Sekunde zu stoppen. Mehr hierzu in den folgenden Kapiteln.

Kommen wir noch einmal zu der Belichtungsreihe mit der Kirche zurück: Anstatt die Verschlusszeiten zu ändern, kann man also auch über die Änderung des Blendenwertes eine solche Belichtungsreihe erzielen. Wenn das ’normal‘ belichtete Foto mit 1/250 Sekunde bei Blende 8 aufgenommen wurde, erhält man bei gleicher Verschlusszeit und Blende 11 das um 1 Stufe unterbelichtete Bild, und bei Blende 5,6 das entsprechend überbelichtete. Die entsprechenden Verschlusszeiten/Blenden-Kombinationen habe ich als Beispiele unter die Fotoreihe geschrieben. Es sind natürlich nur Beispiele – dasselbe Bild kann ja nicht sowohl mit ‚1/125, Blende 8‘ und ‚1/250, Blende 5,6‘ aufgenommen sein. Auch wenn der Helligkeitseindruck bei diesen beiden Kombinationen der Gleiche ist, kann die Bildschärfe u.U. erheblich abweichen. Dazu gibt es in einem späteren Teil dieses Fotokurses noch weitere Erläuterungen und Vergleichsfotos (siehe Lektion 6: Schärfentiefe).

Außer Verschlusszeit und Blende gibt es noch einen dritten Faktor, der die Belichtung des Bildes entscheidend beeinflusst, und den ich daher hier schon einmal kurz erwähnen möchte: Die Filmempfindlichkeit bzw. ISO-Empfindlichkeit, wie sie bei Digitalkameras meist genannt wird. Damit werden wir uns in Lektion 7 und Lektion 8 ausführlich beschäftigen.

Bevor wir nun zu den entscheidenenden Fragen kommen, wann man denn am besten mit welchen Verschlusszeiten oder mit welchen Blenden arbeitet, und wie man überhaupt die ‚richtige‘ Belichtung herausfindet, müssen wir uns noch ein wenig mit Objektiven beschäftigen. Denn die Art des Objektivs beeinflusst entscheidend mit, ob beispielsweise eine 60stel Sekunde noch ohne Verwacklung aus freier Hand aufgenommen werden kann. Darum geht es in Lektion 2 dieses Kurses.

Langzeitbelichtungen