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Bildbearbeitung Buch und Heft Fotografie

c’t Digitale Fotografie 01-2011

Außer dem zweiwöchentlich erscheinenden Computermagazin c’t gibt es aus gleichem Hause auch seltener erscheinende Spezialausgaben zu bestimmten Themen. Hier möchte ich nun die aktuelle Ausgabe 01/11 von c’t Digitale Fotografie vorstellen. Die Zeitschrift mit unserem Lieblingsthema erscheint vier mal jährlich und ist noch bis Ende März die aktuelle Ausgabe.

Titelblatt c't Digitale Fotografie 01/11Das Heft eröffnet mit einem Portfolio des Fotoprojektes „Strange Places“ der jungen Fotografin Claudia Höhne. Hat mich nicht völlig überzeugt, aber ist m.E. ganz nett anzuschauen.

Der erste „technische“ Artikel testet „Kompaktkameras von klein bis Superzoom“. In den einführenden Absätzen fand ich den Hinweis interessant, dass manch eine digitale Kompakte statt einer richtigen Blende nun „einschwenkbare Neutraldichtefilter“ verwendet, damit Abblenden bei den kleinen Sensoren nicht zu Beugungsunschärfen führt. Natürlich hat dies zur Folge, dass meine Erläuterungen im Fotokurs bezüglich Blende und Schärfentiefe bei solchen Konstruktionen nicht anwendbar sind, denn es wird bei diesen Kameras ja keine Blende verstellt, sondern ein Graufilter in den Strahlengang geklappt. Naja…

Im weiteren Verlauf dieses Artikels werden folgende 9 Kameras jeweils auf einer eigenen Seite vorgestellt – mit vergleichbaren Ausschnitten aus Testbildern, Beschreibung von guten und schlechten Kamera-Eigenschaften, Messwerten, Bildkritik und Beschreibung der Video-Fähigkeiten:

  • Canon Digital IXUS 1000 HS
  • Canon PowerShot G12
  • Canon PowerShot SX30 IS
  • Fujifilm FinePix F300EXR
  • Nikon Coolpix P7000
  • Panasonic Lumix DMC-FX700
  • Panasonic Lumix DMC-FZ100
  • Ricoh CX4
  • Sony Cyber-shot DSC-WX5

Während dieser Artikel von „Dr. Klaus Peeck“ geschrieben war, gibt der folgende Artikel „Klaus Peeck“ als Autor an. Wollen wir hoffen, dass sich dahinter kein guttenbergisches Schicksal verbirgt. ;-)

Der folgende Artikel trägt jedenfalls den Titel „Digitale Systemkameras für Einsteiger und ambitionierte Amateure“. Und auch ohne Doktortitel ist der Artikel mindestens von gleicher Qualität; aber technisch interessanter, da er sich mit den verschiedenen Lösungen für Wechselobjektiv-Kameras befasst. Neben drei „klassischen“ digitalen Spiegelreflexkameras mit Klappspiegel wird auch eine Kamera mit teildurchlässigem Spiegel vorgestellt, sowie eine der noch recht neuen Geräteklasse spiegellose Systemkamera. Im Einzelnen sind dies folgende Kameras, denen wieder jeweils eine komplette Seite gewidmet ist (mit Ausschnitten aus dem gleichen Testfoto, so dass auch ein Vergleich zu den Kompaktkameras aus dem ersten Test möglich ist):

  • Canon EOS 60D (Spiegelreflexkamera)
  • Nikon D3100 (Spiegelreflexkamera)
  • Nikon D7000 (Spiegelreflexkamera)
  • Olympus PEN E-PL1 (spiegellose Systemkamera)
  • Sony SLT A55V (teildurchlässiger Spiegel)

Die folgenden 26 Seiten widmen sich ausführlich dem Thema Panoramafotografie. Es werden u.A. die perspektivischen Grundlagen erläutert, verschiedene Bauformen von Nodalpunktadaptern und sonstigem Zubehör vorgestellt, einige ausklappbare Beispielpanoramen gezeigt, sowie verschiedene Panorama-Arten erläutert, sowie die Software, mit denen sich diese aus den Einzelbildern zusammensetzen lassen.

Der zweite Schwerpunkt des Heftes befasst sich mit der Nah- und Makrofotografie. Auch dies eine ausgezeichnete Einführung in das komplexe Thema. Man bekommt beispielsweise Tipps zu Objektiven und sonstigem Zubehör (Telekonverter, Umkehrringe, Balgengeräte, Zwischenringe, Makroblitze, Winkelsucher, …). Weitere Artikel dieses Schwerpunktes widmen sich den fotografischen Techniken und der Aufnahmepraxis, hauptsächlich bei Nah- bzw. Makrofotografie von Blumen und Insekten.

Weitere Artikel dieser Ausgabe zeigen die Gewinnerfotos zum Thema Industrie, ein Making-Of des berühmten Fotos einer platzenden Seifenblase, sowie technische Unterschiede von digitalen Bilderrahmen.

Besonders spannend fand ich die folgenden drei Schwerpunktthemen:

  • Adapter für Manuellfokus-Obkektive
  • Geotagging von Fotos
  • Gimp-Tuning mit Plug-ins

Weitere Artikel befassen sich mit Photoshop Elements 9 und mit Lightroom 3.2. Da ich diese Programme nicht besitze, habe ich die Artikel nur flüchtig gelesen.

Abgeschlossen wird diese Ausgabe von c’t Digitale Fotografie mit „DVD-Highlights und Aktionen“ (z.B. Vollversion von PanoramaStudio 1.5.3 und Spezialversion von StudioLine Photo Classic), einem Überblick über die sonstigen DVD-Inhalte, sowie einem Blick hinter die Kulissen des Kameratests.

Für 8,90 Euro erhält der Hobbyfotograf mit dieser Ausgabe genug Lesestoff und Grundlagen eigener fotografischer Experimente für (mindestens) 3 Monate. Meine Meinung: Klare Kaufempfehlung.

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Anfängerkurs Fotografie Fotokurs

Anfängerkurs, Lektion 7

Schnelle und langsame Filme: Die Filmempfindlichkeit

Wie bereits in der ersten Lektion gezeigt wurde, hängt die richtige Belichtung sowohl von der Verschlusszeit als auch von der Blende der Aufnahme ab. Es ist also sowohl entscheidend, wie lange das Licht auf den Film bzw. auf den Bildsensor fällt, als auch, wie groß die Öffnung ist, durch die das Licht eingelassen wird. Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, und dies ist die „Filmempfindlichkeit“ bei analogen Kameras bzw. „ISO-Empfindlichkeit“ bei Digitalkameras. Damit wollen wir uns in dieser und der folgenden Lektion beschäftigen.

Beispiel für Negativfilm mit 3200 ASAAusschnitt aus dem BildBevor wir auf die Einstellung der Empfindlichkeit an Digitalkameras zu sprechen kommen (siehe Lektion 8), schauen wir zunächst einmal in den Analog-Bereich. Das Bild rechts habe ich 1994 in der Sixtinischen Kapelle in Rom mit einem höchstempfindlichen Film fotografiert. Links sieht man einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtfoto, der jedoch das Hauptproblem von Filmen mit höherer Empfindlichkeit sehr deutlich demonstriert: Je empfindlicher der Film ist, desto grobkörniger wird das Foto. Dies hat mit der Struktur der winzigen lichtempfindlichen Silberhalogenidkristalle auf dem Film zu tun: Je größer die Oberfläche jedes einzelnen Kristalls, desto empfindlicher ist der Film. Logischerweise können jedoch größere Kristalle das Bild nicht so fein aufgelöst wiedergeben wie kleinere Kristalle. Das Bild wirkt daher körniger, wenn ein Film mit höherer Empfindlichkeit verwendet wird.

An düsteren Orten, wo man weder mit Blitz noch mit Stativ fotografieren kann bzw. darf, bietet ein hoch- bzw. höchstempfindlicher Film jedoch die Möglichkeit, mit kürzeren Verschlusszeiten zu fotografieren, während Aufnahmen mit einem normal empfindlichen Film aus freier Hand garantiert verwackeln würden.

Das gezeigte Foto stammt von einem Film mit ISO 3200 („Konica SR-G 3200“). Gegenüber einem „Schönwetterfilm“ mit ISO 100 ist er 32mal empfindlicher. Wo also mit einem ISO-100-Film eine Verschlusszeit von 1/2 Sekunde notwendig wäre (was ohne Stativ garantiert verwackelt), kann man Michelangelos „Erschaffung Adams“ mit 1/60 Sekunde noch aus freier Hand fotografieren – sehr zum Ärger der vatikanischen Aufpasser, die auch gleich angelaufen kamen und mir weitere Fotos untersagten, obwohl am Eingang stand, nur Stativ und Blitz seien verboten…

ISO, ASA und DIN

Damit kommen wir auch schon zur Skalierung und Angabe von Filmempfindlichkeiten. Heutzutage üblich ist die ASA- bzw. ISO-Angabe, die (vereinfacht gesagt) die gleiche Skala beschreiben. Auch die DIN-Angabe ist noch verbreitet. Wichtig ist, dass man eine Vorstellung hat, wofür die einzelnen Zahlenwerte stehen. Wenn man die Skalen untersucht, stellt man fest, dass es eigentlich ganz einfach ist. Von links nach rechts verdoppelt sich mit jedem Kästchen die Empfindlichkeit des Films. Wie bei den bereits besprochenen Skalen der Verschlusszeiten kommt es also von links nach rechts bei jedem Kästchen zu einer Halbierung der notwendigen Lichtmenge (d.h. der Wert ändert sich um 1 Blendenstufe):

Tabelle der FilmempfindlichkeitenWie man sieht, wird bei doppelter Filmempfindlichkeit der ISO/ASA-Wert ebenfalls verdoppelt, während der DIN-Wert je Blendenstufe um 3 Schritte aufwärts zählt. (Der DIN-Wert wird übrigens mit einem Grad-Zeichen niedergeschrieben, das aber nicht mitgesprochen wird. Man sagt also „21 DIN“). Wer sich merken kann, dass ISO 100 umgerechnet 21° sind, der kann im Kopf schnell ausrechnen, dass der viermal empfindlichere Film mit ISO 400 bzw. 27° bezeichnet wird. Die Filmempfindlichkeit ISO 100/21° ist heutzutage sozusagen der Standardwert, die ’normalste‘ Filmempfindlichkeit. Daher habe ich diesen Wert in der Tabelle auch fett geschrieben.

Natürlich gibt es auch (ähnlich wie bei den Blenden- und Verschlusszeitenwerten) Zwischenwerte, die nicht auf der obenstehenden Skala eingetragen sind. Beispielsweise gibt es Filme mit ISO 64/19° oder ISO 125/22°, meist Schwarzweiss-Filme und/oder Diafilme. Bei Farbnegativfilmen sind allerdings überwiegend die obigen Werte zwischen ISO 100 und ISO 1600 üblich.

Niedrig-, normal- und hochempfindliche Filme

Bei Kleinbildfilmen sind in der Hobby- und Urlaubsfotografie die Filme ISO 100, ISO 200 und ISO 400 die Gebräuchlichsten. Während man zwischen ISO 100 und 200 auf normalgroßen Papierabzügen gewöhnlich keinen Unterschied in der Feinkörnigkeit erkennen kann, ist es evtl. bei einem ISO-400-Film möglich, dass man schon etwas Filmkorn sieht. Es hängt u. A. von der Größe des Abzugs, aber auch von der Beschaffenheit des Motivs und der Helligkeit der Belichtung ab, wann das Filmkorn sichtbar wird, beziehungsweise ab wann es eventuell auch als störend empfunden wird.

Da mit höherer Empfindlichkeit des Films (man spricht auch von „schnelleren“ Filmen) die Bildqualität also schlechter wird (weniger Detailauflösung, mehr Körnigkeit), sollte man daher den Film so „langsam“ wie möglich, aber so „schnell“ wie nötig wählen. Nimmt man einen zu langsamen Film, kommt es leichter zu Verwacklungen. Hat man jedoch einen unnötig schnellen Film genommen, muss man durch das ‚gröbere‘ Filmmaterial und die stärkere Körnigkeit Abstriche an der Qualität hinnehmen.

Die niedrigempfindlichen Filme (z.B. ISO 25 oder ISO 50) finden aufgrund der notwendigen langen Verschlusszeiten im Hobby-Bereich selten Anwendung. Als normalempfindliche Filme gelten daher heutzutage ISO 100 (der „Sonnenschein-Urlaubsfilm“) und ISO 200 (mein Lieblingsfilm, mit dem man auch bei etwas weniger strahlenden Lichtverhältnissen gut zurecht kommt). Wer schnelle Motive fotografiert (z.B. Sportfotografie) wird vermutlich eher zu einem hochempfindlichen Film (ISO 400, oder seltener ISO 800) greifen, was ihm kürzere Verschlusszeiten ermöglicht.

Höchstempfindliche Filme

Die höchstempfindlichen Filme bringen (wie oben am Beispiel Adams zu sehen) deutliche Qualitätseinbußen, so dass sie wirklich nur dann eingesetzt werden sollten, wenn es nicht anders geht (wenn beispielsweise Blitz und Stativ nicht erlaubt sind und nur wenig Licht vorhanden ist). Wobei zu betonen ist, dass ein Film mit ISO 1600 noch deutlich weniger Filmkorn zeigt, als meine Experimente mit dem oben bereits gezeigten ISO-3200-Film.

Übrigens habe ich im Sommer 2005 in zwei Fotogeschäften nach höchstempfindlichen Filmen nachgefragt: ISO-1600-Farbnegativfilm wird nach wie vor produziert, aber ISO 3200, mit dem ich 1994 in Rom fotografiert habe, ist offenbar nicht mehr erhältlich. Daher zeige ich Euch noch einige Bilder mit diesen ‚grausam groben Filmkorn‘ – wie ich finde, hat dies durchaus auch seinen eigenen besonderen Reiz. Neben dem Verlust an Detailauflösung und dem deutlich sichtbaren Korn stellt man auch fest, dass dieser Film seine eigene Art hat, mit Farben und Kontrasten umzugehen. Hier also noch ein paar Bilder aus Rom und aus den Vatikanischen Museen (Musei Vaticani), zu denen auch die Cappella Sistina gehört. Meine Hommage an den krassesten Film, den ich je in meiner Kamera hatte, den „Konica SR-G 3200“:

Engelstatue, aufgenommen mit Konica SR-G 3200 Musei vaticani, aufgenommen mit Konica SR-G 3200 Laokoongruppe, aufgenommen mit Konica SR-G 3200

Natürlich sind die Ergebnisse eines einzelnen Farbnegativfilms mit ISO 3200 nicht als repräsentativ anzusehen, zumal die Bilder jeweils nur einen Ausschnitt des Fotos zeigen. Auch kann man daraus nicht ableiten, dass auch im S/W-Bereich das Filmkorn von höchstempfindlichen Filmen ähnlich grob sein muss. Wer es genauer wissen will, kann ja mal ein paar Tests machen und die Ergebnisse hier für den Fotokurs zur Verfügung stellen…

Einstellung der Empfindlichkeit, DX-Codierung

Als Benutzer einer Kleinbildfilm-Kamera oder einer anderen ‚analogen‘ Kamera ist es wichtig, dass die Kamera (bzw. der Belichtungsmesser) korrekt auf die Empfindlichkeit des gerade verwendeten Filmmaterials eingestellt ist. Bei ‚älteren‘ Kameramodellen muss dies von Hand geschehen. Vergisst man es, und legt z. B. einen ISO-400-Film ein, obwohl der Belichtungsmesser noch von ISO 100 ausgeht, werden logischerweise alle Bilder um das Vierfache (2 Blendenstufen) überbelichtet – der Film bräuchte ja eigentlich nur 1/4 des Lichts. Vermutlich ist mit den Bildern dann nicht mehr viel anzufangen, auch wenn Negativfilme im Gegensatz zu Diafilmen den Vorteil mit sich bringen, dass man (nicht allzu große) Unter- bzw. Überbelichtungen bei Herstellung des Papierabzugs ausgleichen kann.

Um solche Fehlbelichtungen durch falsch eingestellte Kameras möglichst zu vermeiden, haben sich die wichtigsten Kleinbildfilmhersteller Anfang der 1980er Jahre auf einen gemeinsamen Standard geeinigt, wie die Kamera schon an der Filmpatrone erkennen kann, welche Empfindlichkeit (und wie viele Aufnahmen) der enthaltene Film hat. Dieses Verfahren nennt sich DX-Codierung. Ein Bestandteil sind ‚Schachbrettcodes‘ auf der Patrone, die von der Kamera erkannt werden können. Genaueres findet sich unter dem Stichwort DX-Codierung in Wikipedia. Als Fotograf muss man sich dank der DX-Codierung meist heute gar nicht mehr um die Einstellung der richtigen ISO-Empfindlichkeit kümmern, da diese automatisch von der Kamera erkannt wird. Ein kurzer Kontrollblick beim Einlegen ist natürlich trotzdem nicht verkehrt. Besonders auf die Einstellung der Filmempfindlichkeit achten muss jedoch derjenige, der eine Kamera hat, die DX-Codes noch nicht unterstützt, oder wer Kleinbildfilme ohne DX-Code verwendet, oder wer nicht Kleinbildfilm (bzw. APS), sondern ein anderes Filmformat verwendet.

Push-Entwicklung

Was macht man aber, wenn man eigentlich einen ISO-400-Film bräuchte, aber in der Tasche hat man nur noch Filme mit ISO 200? Dann bietet sich die Möglichkeit der „Push-Entwicklung“ an: Darunter versteht man, dass der Film bei der Entwicklung so behandelt wird, dass er eine Empfindlichkeit von ISO 400 hat, obwohl es ein ISO-200-Film ist. Natürlich geht das auch mit anderen Filmen, das Pushen von ISO 200 auf ISO 400 ist also nur ein Beispiel. Es kann sogar um zwei Blendenstufen gepusht werden – beispielsweise von ISO 100 auf ISO 400. Allerdings ist beim Pushen um zwei Stufen mit gewissen Qualitätsverlusten zu rechnen.

Natürlich muss man den Film, den man später bei der Entwicklung im Fotolabor pushen lassen möchte, dann so belichten, wie es der gewünschten Filmempfindlichkeit entspricht. Daher muss man die Filmempfindlichkeit an der Kamera in den obengenanten Beispielen manuell auf ISO 400/27° umstellen. In Wirklichkeit wird der Film daher um 1 bzw. 2 Blenden unterbelichtet. Diese Unterbelichtung wird dann durch eine Verlängerung der Zeit im Entwicklerbad ausgeglichen. Foto-Fachlabors werden wissen, welche Entwickler geeignet für Push-Entwicklung sind, und wie dies im einzelnen funktioniert. Logisch, dass man für eine solche Entwicklung einen Aufpreis zahlen muss und dass eine Push-Entwicklung wahrscheinlich nicht beim Discounter um die Ecke zu bekommen ist, sondern eher im Foto-Fachhandel.

Mit der Push-Entwicklung lässt sich evtl. auch ein Film ‚retten‘, der versehentlich mit falsch eingestellter Filmempfindlichkeit belichtet wurde. Stellt man z.B. erst nach 10 oder 15 Aufnahmen fest, dass die Kamera trotz ISO-100-Film noch auf ISO 400 eingestellt ist, dann lässt man am besten für den Rest des Films diese Einstellung bestehen und sucht sich dann zur Entwicklung ein Fotolabor, das den Film um zwei Blendenstufen pusht. Ohne Pushen wären in diesem Fall alle Bilder unterbelichtet, dank Push-Entwicklung erhält man aber doch noch brauchbare Fotos.

Wenn der Film versehentlich überbelichtet wurde (beispielsweise ein ISO-400-Film eingelegt, aber der Belichtungsmesser der Kamera steht noch auf ISO 100), kann dies in gewissen Grenzen auch bei der Entwicklung ausgeglichen werden. Man spricht dann von einer Hold-Entwicklung.

In Wirklichkeit wird übrigens bei Push- und Hold-Entwicklung nicht wirklich die Filmempfindlichkeit verändert, sondern die „Gradationskurve“. Ein auf ISO 400 gepushter Film hat daher eine andere Farbwiedergabe und ein anderes Kontrastverhalten als ein echter ISO-400-Film. Beim Pushen um 1 Blendenstufe fällt dies aber noch nicht so sehr auf, zumindest bei den Negativfilmen, die ich bisher habe pushen lassen.

Wer möchte, kann daher mittels Push-Entwicklung eines ISO-1600-Films ebenfalls Bilder mit ISO 3200 machen und sich über gigantisches Filmkorn mit einer Rauhfasertapeten-Optik freuen. Für den Besuch in der Sixtinischen Kapelle würde ich jedoch eine sehr schnelle und gute Digital-Spiegelreflex empfehlen, die schneller als die vatikanischen Aufpasser ist und auch bei ISO 3200 noch deutlich bessere Fotos macht als ein entsprechend schneller Negativfilm. Doch dazu mehr in Lektion 8, wo es um die Einstellung der ISO-Empfindlichkeit an Digitalkameras geht.

Köln Hauptbahnhof 1995: gröbstkörnixter ISO 3200 SW-Film

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Anfängerkurs Fotografie Fotokurs

Anfängerkurs, Lektion 6

Vorne scharf, hinten unscharf: Die Schärfentiefe

Ähnlich wie sich die (in der vorigen Lektion besprochene) Verwacklung kreativ nutzen lässt, indem Teilbereiche des Bildes scharf und andere verwischt erscheinen, kann man auch die Schärfe kreativ beeinflussen und je nach Situation beispielsweise den Hintergrund verschwommen erscheinen lassen, während das Hauptmotiv scharf erscheint. Möglich wird dies durch möglichst geschickte Beeinflussung der Schärfentiefe.

Als Schärfentiefe wird der Bereich vor und hinter der Scharfstellebene bezeichnet, der auf dem Foto noch als scharf wahrgenommen wird. Das Bildbeispiel links (das manchen Lesern dieser Homepage schon von meiner Rom-Seite bekannt ist) soll dies verdeutlichen: Während die Tauben (einigermaßen) scharf abgebildet sind, liegt der Hintergrund schon nicht mehr im Bereich der Schärfentiefe, sondern ist leicht unscharf. In diesem Falle ist dies so gewollt, um die Tauben plastischer vor dem Hintergrund erscheinen zu lassen. Gleichzeitig soll in diesem Fall der Hintergrund aber noch erkennbar sein, also nicht allzu unscharf. Daher ist es von Vorteil, die Schärfentiefe bewusst steuern zu können.

Wie aus der Definition von Schärfentiefe im vorigen Absatz erkennbar ist, kann man als Fotograf durch Bestimmung der Schärfentiefe nicht nur den Hintergrund in Unschärfe verschwimmen lassen. Das gleiche kann man auch mit dem Vordergrund eines Bildes machen. Ein Beispiel hierfür findet sich bei meinen Abbruzzen-Fotos auf dieser Homepage. Das Foto vom Lago di Bomba zeigt einen verschwommenen Vordergrund. Die unscharf abgebildeten Blätter des Baumes geben dem Blick auf den See einen gewissen Eindruck von Tiefe.

Übrigens: Statt „Schärfentiefe“ sagen manche Leute auch „Tiefenschärfe“, obwohl ich persönlich das unlogisch finde. Denn man sagt ja auch „Wassertiefe“ und nicht „Tiefenwasser“, und in beiden Fällen ist es die Tiefe, die sich ändert, und nicht die Schärfe des Fotomotivs. Mit anderen Worten: Es geht um die ‚Tiefe der Schärfe‘ und nicht um die ‚Schärfe der Tiefe‘. Aber von mir aus können sie auch gerne „Schiefentärfe“ oder „Tärfenschiefe“ sagen. :-) Ich sage jedenfalls „Schärfentiefe“, weil es mir am logischsten erscheint.

Um die Schärfentiefe steuern zu können, ist es wichtig zu verstehen, welche Faktoren einer Aufnahme sie in welcher Weise beeinflussen. In den nächsten Unterabschnitten werden wir uns daher mit dem Einfluss von Blende, Brennweite und Abbildungsmaßstab bzw. Entfernung des Motivs (der Scharfstellebene) beschäftigen. Die Begriffe Blende und Brennweite wurden ja in vorangegangenen Lektionen betrachtet. Wer sich damit noch nicht so sicher ist, kann es sich ja nochmal anschauen.

Schärfentiefe und Blende

Der wichtigste Faktor zum Beeinflussen der Schärfentiefe ist wohl die am Objektiv eingestellte Blende, denn die Blende lässt sich (im Gegensatz zu Brennweite und Motivabstand) ändern, ohne dass dadurch Bildausschnitt bzw. Perspektive verändert werden. Man bekommt also ‚das gleiche Bild‘, nur mit einer veränderten Schärfentiefe, wenn man die Blende verstellt. Die folgenden Fotos zeigen den Effekt der Blende auf die Schärfentiefe. Sie sind mit der EOS 20D und einer Brennweite von 55mm aufgenommen. Zwischen den einzelnen Bildern liegen jeweils 2 Blendenstufen:

Rosen, Blende 5.6, 11 und 22

Wie man eindeutig erkennen kann (insbesondere, wenn man das Bild durch Anklicken vergrößert), nimmt die Schärfentiefe mit kleinerer Blende (also größerer Blendenzahl) deutlich zu. Während bei Blende 5,6 die kleinen Schleierkraut-Blüten im Hintergrund der Rose außerhalb der Schärfentiefe liegen, sind sie bei Blende 22 mit im Schärfebereich.

Eine Verkleinerung der Blende bringt also eine Erhöhung der Schärfentiefe. Leider aber gleichzeitig auch eine Verlängerung der Belichtungszeit. Während das Bild mit der größten Blende (5,6) mit einer Verschlusszeit von ’nur‘ 1/15 Sekunde aufgenommen wurde, verlängert sich diese Verschlusszeit auf 1 Sekunde bei der kleinsten Blende (22). Daher sind diese Aufnahmen selbstverständlich mit Stativ gemacht.

Schärfentiefe und Brennweite

Ein weiterer wichtiger Faktor, der die Schärfentiefe beeinflusst, ist die Brennweite des Objektivs. Um dies zu zeigen, habe ich den gleichen Rosenstrauß mit einer Brennweite von 100mm abgelichtet:

Blende 5.6, 11 und 22 bei 100mm Brennweite

Vergleicht man diese Fotos, die mit 100mm Brennweite aufgenommen wurden, mit der vorangegangenen Serie, deren Brennweite 55mm betrug, so stellt man leicht fest, dass die Verlängerung der Brennweite zu einer geringeren Schärfentiefe führt. Mit einer längeren Brennweite (Teleobjektiv) ist es also bei möglichst offener Blende ganz einfach möglich, ein scharfes Motiv vor einem unscharfen Hintergrund abzubilden. Will man dagegen eine größere Schärfentiefe, muss man im Telebereich stärker abblenden, was aufgrund der dann längeren Verschlusszeiten nicht immer ganz einfach ist, sondern leicht zu Verwacklungen führen kann.

Typische Portrait-BrennweiteDie geringere Schärfentiefe bei längerer Brennweite ist übrigens ein Grund dafür, warum sich leichte Tele-Objektive im Bereich von ca. 80 bis 135mm Brennweite sehr gut für Portrait-Aufnahmen eignen. Denn bei Portraits und Portrait-Schnappschüssen macht sich der ‚Trick‘ mit dem verschwommenen Hintergrund meist recht gut, wie auch das Foto ‚Kleiner Italiener‘ aus meiner Fotogalerie belegt.

Mit Blende und Brennweite haben wir nun 2 der 3 Faktoren betrachtet, die die Schärfentiefe eines Fotos maßgeblich beeinflussen. Einer bleibt noch übrig, die Entfernung. Bevor wir dazu kommen, möchte ich jedoch noch kurz auf einen in diesem Zusammenhang wichtigen Begriff zu sprechen kommen:

Der Abbildungsmaßstab

Maßstäbe kennen wir z. B. von Plänen und Landkarten. Während ganz Europa in dem winzigen Maßstab von 1:16.000.000 (1 zu 16 Millionen) auf eine Schulatlas-Doppelseite passt, braucht die Zeichnung der heimischen Küche vielleicht einen Maßstab von 1:25. Das Uhrwerk einer Armbanduhr wird man vielleicht in dem großen Maßstab von 5:1 auf einer technischen Zeichnung darstellen. Kleine Maßstäbe stellen also Gegenstände kleiner dar als größere Maßstäbe. 1:100.000 ist ein kleinerer Maßstab als 1:10, der wiederum kleiner ist als z. B. 1:1 oder gar 2:1. Soviel erst einmal zu den Begriffen „größer“ und „kleiner“ bei Maßstäben, die (ähnlich wie bei den Blendenzahlen) manchmal verwechselt werden.

In der Fotografie wird häufig vom „Abbildungsmaßstab“ gesprochen – insbesondere im Zusammenhang mit der Schärfentiefe und dem Fotografieren im Nahbereich (Makrofotografie). Daher möchte ich an dieser Stelle erläutern, was mit dem Abbildungsmaßstab gemeint ist:

Wenn ich eine 1 cm große Fliege so nah fotografiere, dass sie auch auf dem Film bzw. Bildsensor der Kamera in einer Größe von 1 cm abgebildet wird, spricht man von einem Abbildungsmaßstab von 1:1. Es geht also um die Abbildung in der Kamera und nicht etwa um eine spätere Vergrößerung. Wenn ich also von der Fliegen-Nahaufnahme später einen Abzug bestelle, ist sie natürlich viel größer als 1:1, denn Abzüge aus dem Fotolabor (oder auch Ausdrucke am PC) sind ja Vergrößerungen des Negativs (bzw. der vom Bildsensor aufgezeichneten winzigen Pixel). Für einen Abbildungsmaßstab von 1:1 braucht man schon eine etwas speziellere Ausrüstung; entweder ein Makroobjektiv, einen Retro-Adapter, Zwischenringe, Nahlinsen, etc. Mehr dazu vielleicht später in einer anderen Lektion.

Wenn ich eine 4cm große Rosenblüte so fotografiere, dass sie auf dem (15mm breiten) Bildsensor etwa 1cm breit erscheint, beträgt der Abbildungsmaßstab 1:4 – die Rose ist also 4fach verkleinert. Diese Werte, die vielleicht in etwa den oben gezeigten Rosenfotos entsprechen, erreicht man z.B. mit dem „Kit-Objektiv“ (18-55) der Canon EOS 20D (und anderer) problemlos, also auch ohne zusätzliche Makro-Ausrüstung.

Wenn ich einen Brunnen von vielleicht 1 Meter Durchmesser so abbilde, dass er auf dem Chip eine Breite von 5 Millimetern einnimmt, beträgt der Abbildungsmaßstab 1:200, er ist also 200fach verkleinert in der Kamera abgelichtet worden.

Natürlich kann ich auch versuchen, die Fliege zu fotografieren, während sie auf dem Brunnen sitzt. Sollte ich aber nicht näher rangehen, wird man sie kaum erkennen, denn der Abbildungsmaßstab bei der Brunnen-Entfernung beträgt ja 1:200, die Fliege ist also auf dem Chip 1/200stel Zentimeter, also 0,05mm groß. Wie man an diesem (etwas unsinnigen) Beispiel erkennt, ist der Abbildungsmaßstab eines Motivs abhängig von dessen Entfernung zur Kamera (und nicht von der Größe des Objekts, wie manchmal behauptet wird). Allerdings wird man als Fotograf wohl automatisch einen Abbildungsmaßstab wählen, der bei der Größe des Motivs eine sinnvolle Darstellungsgröße ergibt.

Manchmal wird der Abbildungsmaßstab nicht als Verhältnis „1 zu X“ angegeben, sondern als Faktor. Beispielsweise habe ich für mein Kit-Objektiv per Google erfahren: „Abbildungsmaßstab 0,28-fach. Kleinstes Objektfeld 54 x 81 mm“. Eine 4cm-Rose kann also maximal (0,28×4) 1,12cm groß auf dem Bildsensor abgebildet werden. Der sichtbare Gesamt-Bildausschnitt beträgt dann 54 mal 81 Millimeter. Wenn ich versuche, ein kleineres Objekt formatfüllend aufzunehmen, wird es sich nicht fokussieren lassen, weil ich für dieses Motiv näher ran müsste, als das Objektiv scharfstellen kann.

Wer die Faktor-Angaben (unter 1,0) in Verhältnis-Angaben umrechnen will, muss einfach einen Bruch draus machen. Ein Abbildungsmaßstab „0,25-fach“ ist also das gleiche wie „1:4“.

Schärfentiefe und Entfernung

Die Entfernung des Motivs beeinflusst ganz wesentlich, wie groß die Schärfentiefe ist. Wenn das Objektiv auf ein sehr nahes Motiv scharfgestellt ist, wird die Schärfentiefe wesentlich kleiner. Dies ist eines der Hauptprobleme bei der Makrofotografie.

Um sichtbar zu machen, wie sich die Schärfentiefe bei gleicher Brennweite und Blende nur durch die Scharfstell-Entfernung verändert, schauen wir uns noch einmal die ersten Rosen-Fotos an (die ich hier noch einmal zeige, um lästiges Zurückscrollen zu ersparen), die mit 55mm Brennweite aufgenommen wurden. Um eine Rose in dieser Größe zu fotografieren, ist die Kamera schon recht nahe an dem Blumenstrauß. Mit anderen Worten: Die Rose wird in einem großen Abbildungsmaßstab auf den Film (bzw. den Bildsensor) aufgenommen.

Im Gegensatz dazu zeigt die danach folgende Reihe Fotos einige Bilder, bei denen auf ein weiter entferntes Motiv scharfgestellt wurde – auf den Brunnen im Kreuzgang des Bonner Münsters. Das gleiche Objektiv, die gleiche Brennweite (55mm) und die gleichen Blenden-Einstellungen. Aber eine größere Entfernungs-Einstellung, und daraus folgend ein kleinerer Abbildungsmaßstab des Brunnens:

Rosen, Blende 5.6, 11 und 22

Kreuzgang, Blende 5.6, 11 und 22

Es zeigt sich, dass die Veränderung der Blende bei den Brunnen-Fotos bei weitem nicht so starke Auswirkungen auf die Schärfentiefe hat wie bei den Rosen-Fotos. Selbst bei offener Blende (5,6) ist der Bogen im Vordergrund nur leicht unscharf, und die Wand im Hintergrund liegt noch im Bereich der Schärfentiefe. Dabei ist die Wand doch viel weiter von der Scharfstellebene (Brunnen) entfernt, als dies die Schleierkraut-Blüten von der Rose sind. Wie man sieht, beträgt also bei gleicher Brennweite und Blende die Schärfentiefe im Nahbereich nur wenige Zentimeter, während sie bei entfernteren Objekten viele Meter einschließt.

Die Schärfentiefe-Skala

Canon AE-1
Canon AE-1

Nun drängt sich die Frage auf, wie man als Fotograf denn wissen kann, von wo bis wo die Schärfentiefe reicht, wenn diese doch von so vielen verschiedenen Faktoren abhängig ist – von der Blende, der Brennweite und der Fokussier-Entfernung. Im Sucher der Spiegelreflexkamera kann man den Bereich der Schärfentiefe ja auch nicht so einfach sehen, da dieser vor dem Auslösen meist das Sucherbild bei Offenblende zeigt. Erst mit dem Drücken des Auslösers wird dann auf die eingestellte Blende abgeblendet, aber das sieht man ja dann nicht mehr.

Hierzu haben sich die Kamera-Entwickler schon vor längerer Zeit etwas sehr praktisches einfallen lassen: Eine Skala am Objektiv, die die fokussierte Entfernung anzeigt, aber auch die zu erwartende Schärfentiefe bei verschiedenen Blenden. Leider ist diese praktische Skala heutzutage an vielen Autofokus-Objektiven gar nicht mehr vorhanden. Daher zeige ich sie Euch am Normalobjektiv der abgebildeten Canon AE-1.

Schärfentiefe-Skala
Schärfetiefe-Skala

Wie man an der Zahl über dem orangefarbenen Strich sehen kann, ist das Objektiv auf eine Entfernung von 5 Metern fokussiert. Natürlich sollte man nicht mit dem Maßband fokussieren oder gar die Entfernung nur schätzen, sondern die Kamera hat ja einen Schnittbildindikator, um präzise auf das Motiv scharf zu stellen (siehe Manuelle Scharfstellung in Lektion 4).

Rechts und links des Ablese-Striches für die Fokussier-Entfernung sieht man einige Zahlen symmetrisch um den orangefarbenen Strich angeordnet. Es sind die schon bekannten Blendenzahlen 4, 8, 11, 16 und 22. Sie deuten an, wie weit bei der jeweiligen Blende die Schärfentiefe geht. Bei der derzeit am Objektiv eingestellten Blende 4 reicht die Schärfentiefe demnach nur von ca. 4,5 Meter bis ca. 7 Meter. Ein Abblenden auf Blende 8 würde den Schärfentiefe-Bereich ausdehnen von ca. 3,5m bis 10m. Und falls die Situation es zulässt, auf Blende 16 oder 22 abzublenden, reicht die Schärfentiefe bis unendlich, auch wenn nach wie vor auf 5 Meter fokussiert ist. Blende 16 würde alles ab einer Entfernung von ca. 2,70m scharf abbilden, Blende 22 sogar schon ab ca. 2,20m.

Das Ablesen einer solchen Schärfentiefe-Skala ist also ganz einfach. Auch an manchen Zoom-Objektiven gibt es solche Skalen. Da sich die Schärfentiefe jedoch mit zunehmender Brennweite verringert, sind für die verschiedenen Blendenzahlen Kurvenpaare auf dem Objektiv angebracht, die die Schärfentiefe bei der jeweils eingestellten Brennweite anzeigen. Bei Auszug des Zoom-Objektivs, also Einstellen einer höheren Brennweite, laufen die Kurvenpaare zur Mitte hin zusammen.

Lage der Schärfentiefe

Zaun mit geringer SchärfentiefeWenn wir uns die im vorigen Abschnitt gezeigte Schärfentiefe-Skala genauer anschauen, stellen wir fest, dass die Verteilung der Schärfentiefe vor und hinter dem fokussierten Objekt nicht symmetrisch ist. Das Objektiv ist auf 5 Meter fokussiert, und wie die Skala zeigt, würde beispielsweise bei Blende 11 alles ab ca. 3 Metern scharf abgebildet. Die Schärfentiefe reicht also in diesem Falle ungefähr 2 Meter in Richtung Vordergrund. Gleichzeitig geht sie bis deutlich über 10m Entfernung, also über 5m hinter die Scharfstellebene.

Als Faustformel hat sich daher eingebürgert, dass etwa 2/3 der Schärfentiefe hinter dem Fokussierpunkt liegen, und etwa 1/3 davor. Dies ist aber nur ein sehr grober Anhaltspunkt bei ’normalen‘ Fotografierentfernungen, und spätestens dann, wenn die Schärfentiefe bis Unendlich reicht, kann das mit dem Drittel überhaupt nicht mehr hinkommen, denn was ist schon ein Drittel der Unendlichkeit? Eine Frage für Philosophen, aber nicht für Fotografen. :-)

Im Makrobereich kehrt es sich übrigens um. Bei Abbildungsmaßstäben über 1:1 ist der Bereich der Schärfentiefe vor der Scharfstellebene größer als dahinter. Hab ich jedenfalls irgendwo gelesen – ausprobiert habe ich das noch nicht…

Die Abblendtaste

Abblendtaste der Canon AE-1Um vor der Aufnahme im Spiegelreflex-Sucher die Ausdehnung der Schärfentiefe überprüfen zu können, haben viele Kameras eine sogenannte „Abblendtaste“. Wird sie betätigt, verringert sich die Blende im Objektiv auf den eingestellten Blendenwert. Dadurch wird das Sucherbild zwar dunkler, aber man sieht dafür den Schärfeeindruck der späteren Aufnahme, so dass man die Schärfentiefe besser bestimmen kann. Hat man eine kleine Blende (hohe Blendenzahl) wie z.B. 16 oder 22 eingestellt, dann verdunkelt sich das Sucherbild natürlich stärker als bei weiter geöffneten Blenden.

Unschärfekreise (Zerstreuungskreise)

Natürlich sind die Grenzen der Schärfentiefe nach vorne und nach hinten keine festen Linien, zwischen denen alles gleich scharf ist, während direkt davor und dahinter mit einem Schlag alles unscharf wird. Vielmehr ist es ein fließender Übergang. Je weiter ein Motiv von der eingestellten Schärfeebene entfernt ist, um so unschärfer wird es. Nur genau auf der Schärfeebene ist ein Punkt des Motivs auch wirklich als Punkt abgebildet. Alles, was ein wenig davor oder dahinter liegt, wird etwas unscharf abgebildet, also nicht als Punkt, sondern als winzig kleines Scheibchen. Bis zu einer gewissen Größe erscheinen diese „Unschärfekreise“ (auch „Zerstreuungskreise“ genannt) dem menschlichen Auge jedoch noch als scharfe Punkte, sofern man einen ’normalen‘ Betrachtungsabstand zum Foto hat, also nicht mit einer Lupe über dem Foto hängt.

Nun hat man sich bei verschiedenen Kameratypen darauf geeinigt, wie groß diese Zerstreuungskreise maximal sein dürfen, um noch als ’scharf‘ durchzugehen. Für Kleinbildfilm-Kameras beträgt dieser Wert meist 0,03 mm. Alles, was mit Unschärfekreisen von maximal drei hundertstel Millimetern auf dem Dia oder Negativ abgelichtet wurde, erscheint auch in der Vergrößerung (bei einem Betrachtungsabstand, der die Erfassung des ganzen Fotos ermöglicht) noch als scharfe Wiedergabe – jedenfalls für menschliche Augen. Adler mögen da anders drüber denken…

Macht man nun von einem solchen Negativ oder Dia eine Ausschnittsvergrößerung (auf die gleiche Größe wie das Gesamtfoto) und betrachtet diese dann ebenfalls im ‚idealen‘ Betrachtungsabstand, dann sind auch die Unschärfekreise natürlich stärker vergrößert worden, so dass nun auch Unschärfekreise von 0,03 mm eventuell schon unscharf erscheinen. Das, was also bei Betrachtung des Gesamtfotos noch innerhalb der Schärfentiefe-Zone lag (an deren Rand), erscheint nun bei einer Betrachtung der Ausschnittsvergrößerung nicht mehr scharf. Nur Unschärfekreise, die deutlich kleiner sind als 0,03 mm werden noch scharf abgebildet. Daher sind die Schärfentiefe-Skalen, die weiter oben besprochen wurden, auch nur für Aufnahmen im Kleinbildfilm-Format zutreffend, von denen keine Ausschnittsvergrößerungen gemacht werden. Hilfreich für eine grobe Abschätzung der Schärfentiefe sind sie aber dennoch.

Crop-Faktor und Schärfentiefe

Der in der Lektion über Brennweite erläuterte Crop-Faktor digitaler Spiegelreflexkameras führt ja bekanntlich zu einer angeblichen „Brennweiten-Verlängerung“. Ein 50mm-Objektiv erzeugt an einer DSLR mit Crop-Faktor 1,6 einen Bildausschnitt, der dem eines 80mm-Objektivs an einer Kleinbild-SLR entspricht. Daher kann man sich fragen: Wie verhält es sich mit der Schärfentiefe bei Fotos mit Digitalkameras, deren Bildsensor kleiner als das Negativformat ist? Ändert sie sich, oder nicht? Und welche Auswirkungen hat dies?

Wie wir gesehen haben, hängt die Schärfentiefe zunächst einmal überwiegend von Eigenschaften des Objektivs ab: Brennweite, Blende und Fokussier-Entfernung. Die Kamera selbst hat darauf nur indirekten Einfluss. Den Lichtstrahlen im Objektiv ist es sozusagen ‚egal‘, ob sie dahinter auf einen Film oder einen Bildsensor fallen, und wie groß der ist.

Allerdings spielt die Frage der Unschärfekreise nun eine wichtige Rolle. Denn genauso, wie eine Ausschnittsvergrößerung den Wert des maximal ‚zulässigen‘ Zerstreuungskreis-Durchmessers verändert, tut dies der Crop-Faktor ebenso. Auf der Brennweiten-Seite wurde ja bereits anschaulich gemacht, dass der Crop-Faktor ja im Prinzip nichts anderes ist als eine Ausschnittsvergrößerung.

Für digitale Spiegelreflexkameras wie z.B. meine EOS 20D (und viele andere Kameras mit einem Chip im APS-C-Format) wird die Größe der Unschärfekreise mit maximal 0,019 mm angegeben. Dies ist ziemlich genau der Wert, wenn man die 0,030 mm des Kleinbildfilms durch den Cropfaktor 1,6 teilt. Dies sollte man im Sinn behalten, wenn man tatsächlich Nah- und Ferngrenze der Schärfentiefe genau bestimmen will. Die passenden Formeln und einige anschauliche Abbildungen gibt es hierzu beispielsweise bei Wikipedia.

Wem es aber in erster Linie darum geht, die Schärfentiefe ‚kreativ‘ zu nutzen, um sein Motiv elegant vor einem unscharfen Hintergrund ‚freizustellen‘, muss sich nicht mit Formeln und Zerstreuungskreisen plagen. Um einen richtig unscharfen Hintergrund zu erreichen, muss dieser weit genug von der Fokussierebene entfernt sein, und die Brennweite muss ausreichend lang sein. Denn aus dem bisher gesagten folgt, dass ein 50mm-Objektiv an der digitalen Spiegelreflexkamera zwar den Bildausschnitt eines 80mm-Kleinbildfotos widergibt, dass die Schärfentiefe aber nach wie vor einem 50mm-Objektiv ähnelt – speziell, wenn es um den Freistellungs-Effekt geht.

Beispiel: APS-C-Format als Ausschnitt aus KleinbildformatDie Schärfentiefe ist hauptsächlich von der ECHTEN Brennweite abhängig und wird durch den „Verlängerungsfaktor“ nur indirekt beeinflusst. Der Cropfaktor schneidet bekanntlich sozusagen nur die Ränder ab, macht aber KEINE längere Brennweite. Lediglich die Tatsache, dass man aufgrund der ‚abgeschnittenen Ränder‘ für ein gleich großes Foto stärker vergrößern muss, verschiebt ein wenig die Grenzen zwischen scharfer und unscharfer Wahrnehmung. Portraitfotografen wird es vermutlich nicht erfreuen, dass die Schärfentiefe eines 50mm-Objektivs an der Crop-Kamera trotz gleichem Bildausschnitt deutlich größer ist als die eines 80mm-Objektivs an der Kleinbildkamera. Denn sie benötigen ja die geringere Schärfentiefe einer längeren Brennweite, um das Gesicht vor dem unscharfen Hintergrund freizustellen. Dazu brauchen sie nach wie vor die längere Brennweite. Damit aber die Köppe nach wie vor auf’s Bild passen, müssen sie nun mit ihrer Kamera ein Stück weiter weg rücken. Hoffentlich ist das Studio groß genug, sonst stehen sie evtl. ‚mit dem Rücken zur Wand‘. :-)

Nahaufnahme PassionsblumeIm Nah- und Makrobereich, wo die sehr geringe Schärfentiefe ohnehin meist das Hauptproblem ist, bringt der kleinere Chip jedoch den Vorteil größerer Schärfentiefe bei gleichem Bildausschnitt. Hier haben digitale Sucherkameras eventuell sogar noch größere Vorteile, denn sie haben einen wesentlich kleineren Chip und verwenden daher Objektive mit sehr kurzen Brennweiten, beispielsweise 6,5-19,5mm (auch wenn evtl. 35-105mm draufsteht, weil es auf Kleinbildformat umgerechnet wurde). Das gezeigte Foto einer Passionsblume wurde mit einer digitalen Sucherkamera, deren Brennweite 6,5 bis 19,5 mm beträgt, aus freier Hand (im ‚Makro-Modus‘) fotografiert.

Nachdem nun die Grundlagen zur richtigen Belichtung und zur kreativen Beeinflussung von Verschlusszeit und Blende alle behandelt wurden, wird es nun Zeit, noch einen weiteren wichtigen Aspekt der Belichtungssteuerung anszusprechen: Die Filmempfindlichkeit, um die es in Lektion 7 geht.

Alles klein, auch die Schärfentiefe: Miniatur-Wunderland Hamburg

 

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Anfängerkurs, Lektion 5

Wischi-Waschi: Verwacklungs- und Bewegungs-Unschärfe

Nachdem wir in der vorangegangenen Lektion geklärt haben, dass Verwacklung eigentlich nichts mit Unschärfe (im Sinne von Fehlfokussierung) zu tun hat, auch wenn man von „Verwacklungsunschärfe“ bzw. „Bewegungsunschärfe“ spricht, wollen wir nun noch etwas näher darauf eingehen, wie man ungewollte Verwacklung vermeiden kann und wie man Verwacklungs-Effekte wirkungsvoll für interessantere Fotos einsetzen kann.

Verwacklung

Wir haben bereits festgestellt: Verwacklung entsteht, wenn sich die Kamera während der Verschlusszeit relativ zum Motiv bewegt. Dann erscheint die ganze Aufnahme verwischt, macht also einen ‚unscharfen‘ Eindruck, auch wenn korrekt scharfgestellt wurde. Das ganze Foto ist dann misslungen.

Um Verwacklung zu vermeiden, sollte man daher (wie bereits erläutert) entweder eine ausreichend kurze Verschlusszeit wählen, oder ein Stativ verwenden. Auch sind eine ‚ruhige Hand‘ beim Fotografieren oder die Verwendung eines Blitzgerätes ebenfalls gute Mittel gegen verwackelte Fotos.

Natürlich ist Verwacklung eine relative Sache, und es kommt auf den Verwendungszweck und die eigenen Ansprüche an. Dem Einen ist ein Foto zu stark verwackelt, weil er große Abzüge mit hoher Schärfe in Top-Qualität davon braucht. Dem Anderen würde das gleiche Foto vielleicht noch ausreichend erscheinen, weil er nur kleine Abzüge benötigt oder eine geringe Auflösung zur Veröffentlichung im Internet. Dennoch sollte man sich immer bemühen, bei jedem Bild eine möglichst hohe Qualität zu erreichen. Denn sonst ärgert man sich vielleicht später, falls man doch mal einen größeren Abzug des Fotos machen lassen möchte, dass es dann matschig und unscharf aussieht.

Verwacklung vermeiden: Mit ‚ruhiger Hand‘ fotografieren

Im Bereich der ‚analogen‘ Kleinbild-Fotografie hat sich als Faustregel eingebürgert, dass man aus freier Hand (also ohne Stativ oder sonstige Abstützung der Kamera) Verschlusszeiten längstens bis zum Kehrwert der Brennweite verwenden kann. Das klingt komplizierter als es ist, daher erkläre ich es mit einem Beispiel:

Hat man beispielsweise ein 30mm Weitwinkel-Objektiv aufgesetzt, kann man nach dieser Faustformel längstens 1/30 Sekunde aus freier Hand belichten, ohne dass es verwackelt. Verwendet man hingegen z.B. ein 200mm Tele-Objektiv, dann sollte auch die Verschlusszeit bei Fotos aus freier Hand nicht länger als 1/200 Sekunde betragen.

Bei digitalen Spiegelreflex-Kameras verlängert sich dieser Wert theoretisch noch um den Crop-Faktor der Kamera (siehe Lektion 2: Brennweite), aber wer eine ruhige Hand hat, kann evtl. auch mit der Kleinbildkamera-Faustformel auskommen. Genaugenommen müsste man so rechnen: „Ich hab ein 50mm-Objektiv drauf, das sind (50×1,6) umgerechnet auf Kleinbild 80mm, also sollte ich nicht länger als 1/80 Sekunde belichten“.

AusschnittDas Bild rechts beweist, dass ich wohl eine ‚ruhige Hand‘ habe: Es ist ein unverkleinerter Ausschnitt (100%) aus dem Bild oben. Man sieht also jedes Pixel so, wie es von der Kamera aufgezeichnet wurde. Bei 22mm Brennweite habe ich es mit 1/25 Sekunde aus freier Hand fotografiert, und Verwacklungsspuren sind nicht zu erkennen. Würde ich die Formel mit Berücksichtigung des Crop-Faktors anwenden, hätte ich mich nicht getraut, unter 1/35 Sekunde zu belichten, denn 22mm Brennweite entsprechen an der EOS 20D ja bekanntlich 35mm auf Kleinbild umgerechnet. Aber wie man sieht, hat es hingehauen, auch mit 1/25 Sekunde.

Was macht man aber, um eine ausreichend kurze Verschlusszeit gemäß dieser Faustformel auch bei düsteren Lichtverhältnissen zu erreichen? Wie bereits in Lektion 1 (Verschlusszeit und Blende) besprochen, kann man evtl. eine Blende einstellen, die weiter offen ist. Das Problem ist nur, dass die Objektive mit einer hohen Lichtstärke (große Offenblende) meist so unbezahlbar teuer sind. Man kann auch einen empfindlicheren Film einlegen bzw. die Digitalkamera auf eine höhere Empfindlichkeit umstellen. Welche Vor- und Nachteile dies bringt, wird in Lektion 7 und Lektion 8 behandelt.

Verwacklung vermeiden: Bildstabilisatoren

Dort, wo selbst eine ‚ruhige Hand‘ nicht mehr ausreicht, um ein verwacklungsfreies Bild zu erzeugen, können vielleicht Objektive bzw. Kamerasysteme mit einem Bildstabilisator weiterhelfen. Im Objektivprogramm von Canon sind solche Objektive mit den Buchstaben IS für „Image Stabilizer“ gekennzeichnet. Sigma nennt es OS für „Optical Stabilizer“, und andere Hersteller haben wiederum andere Bezeichnungen. Konica Minolta und andere Firmen (z.B. Sony) gehen einen anderen technischen Weg und bauen ein „Anti-Shake-System“ mit „Sensor-Shift“ in das Kameragehäuse statt in das Objektiv.

Beiden Systemen gemeinsam ist, dass sie Wackelbewegungen einer in der Hand gehaltenen Kamera reduzieren können, und zwar um ca. 2 bis 3 Blendenstufen. Hat man beispielsweise das recht beliebte Telezoom „Canon EF 70-300mm f/4-5,6 IS USM“ im Einsatz, beträgt die Verwacklungsgrenze bei maximaler Brennweite nach obenstehender Faustformel bekanntlich etwa 1/500stel Sekunde (300×1,6=480), wenn der IS nicht eingeschaltet ist. Bei einer maximalen Blende von 5,6 braucht man da schon ziemlich viel Licht. Schaltet man den Bildstabilisator jedoch hinzu, kann man evtl. noch mit 1/60stel Sekunde verwacklungsfreie Bilder aus freier Hand schießen. Drei Blendenstufen bringen ja bekanntlich eine 8fach verlängerte Verschlusszeit. Und dies zu einem Preis, der weit unter einem Telezoom mit einer Maximalblende von 2,0 (entspricht 3 Blendenstufen über 5,6) liegt – falls es das überhaupt gibt. Eine sehr feine Sache.

An dieser Stelle sollte man jedoch berücksichtigen, dass der Bildstabilisator NUR die Verwacklungen der Kamera ausgleicht, jedoch im Gegensatz zu einer größeren Blende (oder einer höheren ISO-Empfindlichkeit) nicht die Verschlusszeit verkürzt. Wenn das Motiv also zu unruhig für 1/60stel Sekunde ist, dann nützt auch der Stabilisator wenig. Eine leidvolle Erfahrung der Konzertfotografie: Man sieht zwar einen unverwackelten Mikrofonständer, aber die Sängerin hat sich in der sechzigstel Sekunde wieder einen halben Meter bewegt…

Doch wie funktioniert so ein Stabi? Elektronische Sensoren messen die Wackelbewegungen der Kamera. Bei den Systemen, wo der Bildstabilisator in die Objektive eingebaut ist (z.B. Canon), wird durch ein elektrisch bewegliches optisches Element die Wackelei des Kamerahalters möglichst so ausgeglichen, dass die Lichtstrahlen ohne Wackler auf den Film bzw. Sensor fallen. Die kamera-interne Lösung arbeitet hingegen mit einem elektrisch verschiebbar gelagerten Sensor. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Hauptvorteil des Sensor-Shift-Systems: Es steht damit allen Objektiven an dieser Kamera zur Verfügung. Wichtiger Nachteil: Trotz kleinem Sensor mit Crop-Faktor müssen alle Objektive für einen größeren Bildkreis gerechnet sein, da ja der Chip „Platz“ zum Bewegen braucht. Auch sieht man die Stabilsierung nicht im Sucherbild. Die Lösung der meisten anderen Kamerahersteller, den „Stabi“ in die Objektive einzubauen, hat den großen Vorteil, dass dies auch an anderen Spiegelreflexkameras (inklusive ‚analogen‘ Kleinbildfilm-Kameras) funktioniert, und dass auch der Blick durch den Sucher stabilisiert ist. Nachteil ist natürlich, dass man für jedes Objektiv den Stabilisator extra bezahlt.

Sigma 18-200 ohne und mit OS
Sigma 18-200 ohne/mit OS

Das Foto zeigt links das Sigma 18-200 ohne Stabilisator und rechts das Sigma 18-200 mit Stabilisator. Wie man sieht, braucht die zusätzliche Technik im Objektiv ihren Platz: Die stabilisierte Version dieses Objektivs ist deutlich größer (und schwerer und teurer, was man allerdings auf dem Foto nicht sieht). Das „Sigma DC 18-200mm 1:3.5-6.3 OS“ hat ein 72mm-Filtergewinde, während das entsprechende Objektiv ohne OS mit den meist günstigeren 62mm-Filtern auskommt.

Soviel zum Thema ‚ruhige Hand‘ und den technischen Helfern für eine ’noch ruhigere Hand‘. Bei Motiven wie dem oben abgebildeten Kirchenaltar im Bonner Münster gibt es jedoch auch meist die Möglichkeit, die Verwacklungsunschärfe dadurch zu vermeiden, dass man die Kamera beim Fotografieren abstützt. Wozu hat eine Kirche beispielsweise Säulen, an die man die Kamera anlegen kann? Oder Sitzbänke zum Aufstützen? Vielleicht darf man sogar ein Stativ verwenden. Damit sind wir beim nächsten Unterthema:

Verwacklung vermeiden: Mit Stativ fotografieren

Bonner Münster, InnenansichtIn den Anfängen der Fotografie war es völlig normal, dass eine Kamera fest auf ein stabiles Stativ montiert war. Bei minutenlangen Belichtungszeiten ging es auch überhaupt nicht anders. Doch heute, wo moderne Kameras Verschlusszeiten von 1/1000 Sekunde oder noch viel kürzer erreichen, halten viele ‚Hobbyknipser‘ ein Stativ für unnötigen Schnickschnack.

Doch wie wir oben bereits gesehen haben, kommt man bei Fotos aus freier Hand schnell an die Verwacklungsgrenze, sobald die Lichtverhältnisse nicht ganz ‚heiter Sonnenschein‘ sind. Das nebenstehende Foto aus dem Längsschiff des Bonner Münsters beispielsweise ist 1,3 Sekunden lang belichtet worden, weil das Objektiv bei der eingestellten Blende 8 Ergebnisse von höherer Qualität bringt als bei seiner Offenblende von 3,5. So etwas geht nur vernünftig mit Stativ.

Beim Kauf eines Stativs sollte man beachten, dass es ausreichend stabil ist, um Kamera und Objektiv stabil und sicher tragen zu können. Wenn die ganze Einheit schon bei leichtem Wind zu schwingen und schaukeln anfängt, ist es eindeutig nicht gerade ein sehr stabiles Stativ.

Eine genaue Ausrichtung der Kamera geht am einfachsten, wenn Kamera und Stativ mit einem Kugelkopf oder einem Neigekopf verbunden sind. Ebenfalls praktisch: Eine Schnellwechselplatte, die am Stativgewinde der Kamera verbleiben kann, so dass sie sich schnell mit einem Handgriff auf dem Stativ aufsetzen bzw. wieder lösen lässt. Ein solches Befestigungssystem ist an vielen Stativen bzw. Stativköpfen bereits vorhanden.

Beim Auslösen einer Spiegelreflexkamera entsteht übrigens immer ein leichtes Zittern, das trotz Verwendung eines stabilen Stativs dazu führen kann, dass das Bild leichte Spuren von Verwacklung zeigt. Hierfür gibt es mehrere Gründe, denen man mit verschiedenen Tricks beikommen kann:

Problem Nr. 1 hierbei ist der Druck auf den Auslöser. Wenn dazu die Kamera berührt wird, kann dies schon zu Verwacklungen führen – es sei denn, man hat ein Stativ, das so stabil ist, dass gewöhnlich darauf nicht Kameras sondern Flugabwehrgeschütze montiert werden. ;-) Wesentlich einfacher als die Mitnahme eines 500kg-Stativs ist jedoch der Anschluss eines Fernauslösers. Kabelfernauslöser gibt es schon für wenige Euronen, und auch drahtlose Modelle sind für viele Kameratypen erhältlich. Wenn man keinen Fernauslöser zur Hand hat, kann man sich aber auch mit der Selbstauslöserfunktion der Kamera helfen, damit der Druck auf den Auslöser nicht zu Verwacklungen führt. In der Rubrik Zubehör wird übrigens ein praktischer Timer-Fernauslöser vorgestellt.

Problem Nr. 2 ist der sogenannte „Spiegelschlag“. Wie bereits als Abbildung in Lektion 1 (Blende und Verschlusszeit) gezeigt, ist während der Belichtung der Blick durch den Sucher dunkel, denn der Spiegel muss aus dem Strahlengang zwischen Objektiv und Verschluss nach oben weggeklappt werden, damit das Licht auf den Film bzw. den Bildsensor fallen kann. Dieser Spiegelschlag gibt der Spiegelreflexkamera nicht nur ihren Namen, sondern auch das charakteristische Auslösegeräusch.

Da beim Auslösen durch Wegklappen des Spiegels im Kameragehäuse eine leichte Erschütterung entsteht, kann diese (insbesondere bei Telebrennweiten) leicht zu Verwacklungsspuren führen. Um dies zu vermeiden, bieten höherwertige Kameras meist eine Funktion namens „Spiegelvorauslösung“ (manchmal einfach „SVA“ genannt) an. Dabei wird der Spiegel nicht erst unmittelbar vor der Aufnahme bewegt, sondern zwischen Spiegelschlag und Foto-Auslösung liegt eine gewisse Zeit, in der sich Kameragehäuse und Stativ nach dem Hochschnellen des Spiegels erst einmal wieder ‚beruhigen‘ können. Meine EOS 5 lässt sich so einstellen, dass bei Verwendung des Zeitauslösers der Spiegel sofort hochklappt (Sucher wird dunkel) und 2 Sekunden später wird das Bild belichtet. Die EOS 20D und ihre Nachfolger machen es ähnlich. Die SVA ist eine praktische Sache, die zu noch schärferen Fotos führt.

Verwacklung vermeiden: Mit Blitz fotografieren

Woodstuff: Lothar
Woodstuff: Lothar

Wesentlich populärer als Mittel gegen Verwacklung ist der Blitz. Kein Wunder, denn er lässt sich sogar in kleinen Sucherkameras und sogar Kamerahandys integrieren. Das Handy möchte ich sehen, in dem ein stabiles Dreibeinstativ mit Kugelkopf eingebaut ist… ;-)

Das Foto von Lothar, Frontman der Band Woodstuff, wurde mit einer Verschlusszeit von 1/60 Sekunde geblitzt. Ohne Blitz wäre es bei einer ungefähr zehnfach längeren Verschlusszeit garantiert verwackelt. Das Bild wurde jedoch nicht mit dem eingebauten Blitz der Kamera aufgenommen, sondern mit einem Aufsteckblitz. Vorteil der meisten dieser Blitzgeräte ist neben der höheren Reichweite auch die Möglichkeit, durch einen schwenkbaren Reflektor die Richtung des Blitzes zu beeinflussen. Um harte Schlagschatten und eine hässliche Frontalbeleuchtung zu vermeiden, wurde hier gegen die Decke geblitzt, von wo aus das Blitzlicht angenehm weich nach unten reflektiert wurde. Das Bild ist zwar weit von einem wirklich guten Portrait entfernt, aber bei Konzertfotografie ist die Möglichkeit, den Blitz benutzen zu dürfen, eine große Hilfe. Natürlich nur, wenn man sich direkt vor oder sogar auf der Bühne aufhält. Wer die Stones im Stadion von der Tribüne aus anblitzt, beleuchtet bestenfalls die Mücken über dem Kopf des Vordermanns. Falls der Autofokus sie erfasst, gibt’s vielleicht ein nettes Makrofoto… :-)

Fotos absichtlich verwischen: Bewegungsunschärfe

Woodstuff: Kalle
Woodstuff: Kalle

Fotos, bei denen das ganze Bild verwackelt ist, sind meistens misslungen und damit unbrauchbar. Dies zu vermeiden war daher Thema der letzten Unterabschnitte dieser Seite. Doch im Gegensatz dazu lässt sich der Verwacklungseffekt auch bewusst als Stilmittel einsetzen. Er kann ein Foto ganz interessant machen, weil der Eindruck von Bewegung entsteht. Wirkungsvoll ist er jedoch meist nur dann, wenn er sich auf bestimmte Bildteile beschränkt, während andere möglichst scharf und unverwackelt abgebildet sind.

Um dies zu verdeutlichen, muss wieder die Bonner Band Woodstuff herhalten – diesmal Gitarrist Kalle. Das Foto wurde mit 1/6 Sekunde Verschlusszeit aufgenommen, also 10mal länger als beim obigen Bild von Lothar. Obwohl der Blitz zugeschaltet war, bestimmt die rötliche Bühnenbeleuchtung die Lichtstimmung des Fotos. Die relativ lange Verschlusszeit zeigt die Virtuosität dieses ‚Akkordarbeiters‘ – sowohl rechte als auch linke Hand haben sich während der Sechstelsekunde ziemlich schnell bewegt. Um dennoch die Finger als solche erkennbar zu machen, wurde schwach dazu geblitzt. Dadurch, dass die Leuchtdauer des Blitzes viel kürzer als die Verschlusszeit von 1/6 Sekunde ist, entsteht trotz der Bewegungsunschärfe dennoch ein scharfes Abbild der Finger zum Zeitpunkt des Blitzes – zum Teil ‚magisch durchleuchtet‘ ;-) von den darunter liegenden Gitarrenseiten. Ergebnis ist ein zwar technisch nicht perfektes, aber wesentlich stimmungsvolleres und durch die Bewegungsunschärfe auch dynamischer wirkendes Bild.

Auch ohne Blitz lassen sich schöne Effekte mit Bewegungsunschärfe erzielen. Gerne wird dies bei der Abbildung von Wasser in Bewegung gemacht. Da ich leider keinen talwärts über schöne Klippen plätschernden Gebirgsbach in unserem Garten habe, bin ich nach Bonn gefahren, um dies anhand eines Brunnens zu demonstrieren, der mit verschiedenen Verschlusszeiten aufgenommen wurde. Deutlich sieht man, wie die Bewegungsunschärfe bei längeren Verschlusszeiten das Wasser geschmeidig fließend darstellt, während es bei kurzen Verschlusszeiten fast wie ‚eingefroren‘ wirkt:

Fontäne mit verschiedenen Verschlusszeiten aufgenommen.

Eine weitere besondere Form der „Bewegungsunschärfe“ entsteht übrigens, wenn man vom Stativ aus in einer dunklen und klaren Nacht den Sternenhimmel mit langer Belichtungszeit fotografiert (z.B. 1 Stunde oder mehr). Man bekommt dann auf dem Foto (bedingt durch die Erddrehung) kreisförmige Strichspuren der Sterne zu sehen, die sich um den Polarstern ‚drehen‘. Noch habe ich solche Bilder nicht selber fotografiert. Aber man findet schöne Beispiele mit der Google-Bildsuche, wenn man nach Strichspuren gurgelt.

Fotos absichtlich verwischen: Mitzieher

Beispiel für ein Mitzieher-FotoBeispiel für ein Mitzieher-FotoBei Motiven, die sich ungefähr quer zur Aufnahmerichtung bewegen, bietet sich auch die Möglichkeit an, durch einen „Mitzieher“ den Hintergrund mit Bewegungsunschärfe verwischt erscheinen zu lassen, während sich das Motiv einigermaßen scharf zeigt, da man die Kamera mit dem Motiv mitgeschwenkt hat. So entsteht der Bildeindruck einer schnellen Fahrt. Auf dem ersten Foto sehen wir Mona, Soziologiestudentin der Uni Bonn im 3. Semester, auf dem Weg von der Mensa zum Hörsaal ihres Instituts. Und das zweite Foto zeigt Lisa, Studentin am Institut für Pflanzenbau, Semester noch unbekannt, auf dem Weg zum Botanischen Garten der Universität Bonn. Beide fotografiert mit einer Verschlusszeit von 1/20stel Sekunde – was bei radelnden Studentinnen ausreicht, um den Hintergrund zu verwischen, während die Radlerinnen noch einigermaßen scharf rüberkommen (fotografisch natürlich) …

Natürlich eignen sich Mitzieher nicht nur für radelnde Studentinnen, sondern auch für Autos, schnelle Pferde, Straßenbahnen und was weiß ich noch alles. Die geeignete Länge der Verschlusszeit variiert jedoch erheblich. Für einen Formel-1-Wagen bei hoher Geschwindigkeit wird vermutlich schon 1/500stel Sekunde ausreichen, um den Hintergrund gut zu verwischen. Würde man den Rennwagen (wie die Radlerinnen) mit 1/20stel fotografieren, dann würde vermutlich auch das Auto zu unscharf für ein gelungenes Mitzieher-Foto. Die Verschlusszeit sollte man daher passend zur Schwenkgeschwindigkeit nicht zu lang wählen, damit das Hauptmotiv möglichst scharf abgebildet wird. Probiert es einfach aus. Auch wenn eine Menge Ausschuss produziert wird, macht es einfach Spaß.

Bei Gelegenheit werde ich Euch hier noch ein paar weitere Mitzieher präsentieren – sobald ich mit dem Scannen älterer Bilder bei den entsprechenden Filmen angekommen bin (oder sobald ich etwas gelungenere neue Mitzieher fotografiert habe). Denn es ist ja nicht so, als würde ich nur auf Studentinnenjagd im Großstadtdschungel gehen. Die Polizei im verwischten Hintergrund des Bildes von Mona stand auch nicht wegen mir dort… :-)

Eine Idee für einen besonderen Mitzieher zum Thema „Geschwindigkeit ist relativ“ geistert mir schon seit Jahren durch den Kopf – aber ich habe keine Ahnung, ob ich das jemals vorzeigbar umgesetzt bekomme: Statt einen Rennwagen in hundertstel Sekunden zu zeigen, könnte man doch auch mal eine Schnecke fotografieren, die mit ihrem hübschen Schneckenhaus den Weg entlang’rast‘. Verschlusszeit vermutlich 5-20 Sekunden (?), je nach Rennlaune und Tagesform der Schnecke. Vermutlich bräuchte man aber eine motorische Nachführung, die das Schneckenhaus genau im Visir hält, damit es nicht verwackelt. Vielleicht klappt es aber auch mit meinem Getriebeneiger auf dem Stativ.

Nach so viel „hab ich noch nicht und würde ich gerne mal“ wird es nun langsam Zeit, auf das nächste Thema zu sprechen zu kommen. Nachdem nun auf dieser und der vorigen Seite einige Grundlagen zu Schärfe und Verwacklung betrachtet wurden, fehlt noch ein ganz wichtiger Aspekt: Die Schärfentiefe. Darum geht es in Lektion 6.

Exzessive Verwackler: Woodstuff

 

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Anfängerkurs Fotografie Fotokurs

Anfängerkurs, Lektion 1

Die richtige Belichtung: Verschlusszeit und Blende

Willkommen im ersten Teil von Rolands Fotokurs, der als „Anfängerkurs“ eine einfache und verständliche Erklärung der fotografischen Grundlagen geben soll. Zwar kann dank der Automatikfunktionen heutiger Kameras heutzutage eigentlich jeder auf Anhieb zu ‚brauchbaren‘ Fotos kommen. Zumindest bei normalen Lichtverhältnissen gelingen die meisten Bilder. Aber Aufnahmen im Dunkeln? Oder Aufnahmen von schnell bewegten Objekten? Spätestens in solchen Situationen ist es von Vorteil, wenn man die Grundlagen der Fotografie kennt und weiß, wie man auch in solchen Situationen ansprechende und ausreichend scharfe Fotos machen kann.

Daher kommen wir auch in diesem Fotokurs nicht um ein bisschen Theorie herum. Ich versuche es aber, möglichst einfach zu erklären und die Zusammenhänge wenn möglich mit Bildbeispielen zu zeigen. Die gezeigten Fotos erheben nicht den Anspruch, „perfekte“ Bilder zu sein. Sicherlich gibt es daran auch das eine oder andere auszusetzen. Sie sollen keine Wettbewerbe gewinnen, sondern das jeweilige Thema erläutern.

Unterbelichtung und Überbelichtung

Jeder von uns kennt unterbelichtete und überbelichtete Bilder. Schauen wir uns beispielsweise die folgenden 5 Fotos an. Wie die meisten Bilder in diesem Fotokurs (und auch sonst auf rofrisch.de) kann man die folgende Abbildung vergrößern, indem man sie anklickt.

Das linke Bild ist 1 Blende unterbelichtet, das rechte 1 Blende überbelichtet. Was das genau heißt, wird gleich erklärt. Das mittlere Bild ist jedenfalls das, was die Belichtungs-Automatik der Kamera für die ‚richtige‘ Belichtung hielt. Aber ist es wirklich das Beste?

Während man bei dem Bild ganz links kaum noch Einzelheiten der Kirche erkennen kann, weil es unterbelichet ist, ist bei dem überbelichteten Bild rechts der Himmel nur noch eine weiße Fläche. Mir persönlich gefällt die Zwischenstufe zwischen dem ’normal‘ belichteten und dem um 1 Stufe überbelichteten Bild am besten, also das 2. Foto von rechts, das um eine halbe Blendenstufe heller belichtet ist. Vielleicht liegt’s aber an meinem bzw. Deinem Monitor, wenn Du zu einem anderen Ergebnis kommst.

Die richtige Belichtung eines Fotos hängt davon ab, welche Menge Licht auf den Film (bei ‚analogen‘ Kameras) bzw. auf den Bildsensor (bei Digitalkameras) fällt. Die Lichtmenge kann man regulieren über die Größe der Öffnung vor dem Film (bzw. Chip) und über die Dauer der Öffnung, also wie lange man das Licht darauf fallen lässt.

Erfreulicherweise verhält sich Licht in dieser Hinsicht ganz ähnlich wie z.B. Flüssigkeiten: Ob ich nun das Wasser 20 Sekunden bei vollem Strahl in das Spülbecken laufen lasse, oder 40 Sekunden bei halb geöffnetem Ventil – die Spülwasser-Menge ist die gleiche. Nur ist es bei einem Wasserhahn schwer abzuschätzen, wo genau die halbe Durchflussmenge ist. Die Kamera hingegen kann die Größe der Lichtöffnung und die Dauer der Belichtung sehr präzise steuern.

Verschlusszeit

Zum Glück sind die Zeiten, wo man für normale Alltagsmotive 20 oder 40 Sekunden lang belichten musste, seit etwa 100 Jahren vorbei. Ein Motiv wie die oben abgebildete Kirche (in Köln-Dellbrück) lässt sich beispielsweise in einer Zweihundertfünfzigstel Sekunde (1/250) belichten. Will man das gleiche Motiv nun eine ganze Stufe heller haben, so muss der Kameraverschluss doppelt so lange geöffnet werden. 1/125stel Sekunde ist immer noch ziemlich schnell, aber es landet doppelt so viel Licht auf dem Film (bzw. Bildsensor). Um die Unterbelichtung mit dem ‚dramatisch‘ aussehenden Himmel, die eine ganze Stufe dunkler belichtet ist, zu erzeugen, muss man demnach 1/500 Sekunde belichten. Auch das ist für heutige Kameras kein Problem.

Die Belichtungszeiten an Kameras folgen übrigens genau diesem System, dass sie sich jeweils verdoppeln bzw. halbieren (je nachdem, von welcher Seite man die Skala betrachtet). Hier einmal eine Übersicht über die übliche Skalierung der Belichtungszeiten:

  • 30 Sekunden
  • 15 Sekunden
  • 8 Sekunden
  • 4 Sekunden
  • 2 Sekunden
  • 1 Sekunde
  • 1/2 Sekunde
  • 1/4 Sekunde
  • 1/8 Sekunde
  • 1/15 Sekunde
  • 1/30 Sekunde
  • 1/60 Sekunde
  • 1/125 Sekunde
  • 1/250 Sekunde
  • 1/500 Sekunde
  • 1/1000 Sekunde
  • 1/2000 Sekunde
  • 1/4000 Sekunde
  • 1/8000 Sekunde

Wie man sieht, hat man an einigen Stellen ein wenig gerundet, um auf glatten Zahlen bleiben zu können. Die Hälfte von 1/8 ist ja 1/16 und nicht 1/15, aber in der Praxis spielt dies keine Rolle. Nur ist es wesentlich einfacher, beispielsweise von einer fünfhundertstel Sekunde zu sprechen, als von einer fünhundertzwölftel Sekunde.

Wie das Bildbeispiel mit der Kirche gezeigt hat, sind auch Zwischenwerte zwischen diesen Verschlusszeiten ganz praktisch, um auch eine halbe Stufe über- oder unterbelichten zu können. Diese Zwischenstufen bieten moderne Kameras ebenfalls an. Entweder in halben Stufen oder sogar in Drittelstufen. Um eine Belichtungsreihe wie die 5 Kirchenfotos aufzunehmen, könnte man demnach folgende Verschlusszeiten nehmen:
1/500 · 1/350 · 1/250 · 1/180 · 1/125
Fett geschrieben habe ich zur Verdeutlichung noch einmal die Standard-Verschlusszeiten aus der Tabelle; dazwischen die Zwischenwerte an Kameras, die halbe Stufen dazwischen anbieten.

Übrigens: Auswendig lernen muss man die Verschlusszeiten-Reihe natürlich nicht – nach einiger Zeit kann man sie ganz von selbst auswendig, wenn man seine Kamera oft genug ‚bewusst‘ benutzt. Aber es ist für den Anfang ganz gut und wichtig, wenn man behält, dass z.B. die Kamera-Anzeige „125“ auf eine doppelt so lange Verschlusszeit hinweist wie die Anzeige „250“. Denn die meisten Kameras sparen sich das ‚1/‘ und zeigen beispielsweise nur „60“ statt „1/60“ an, wenn eine Sechzigstel-Sekunde Belichtungszeit gemeint ist.

Blende

Erinnern wir uns an das Beispiel mit dem Spülbecken: Wenn ich weniger Wasser einlaufen lassen will als beim letzten mal, dann kann ich entweder den Hahn früher wieder zu drehen (beispielsweise nach 20 statt nach 40 Sekunden), oder ich kann ihn von Anfang an nur halb aufdrehen. Dann habe ich nach 40 Sekunden wegen der verringerten Durchflussmenge auch nur die Hälfte Wasser im Becken.

Und genau das macht bei der Fotografie die Blende. Sie bestimmt, wie viel Licht in der eingestellten Verschlusszeit beim Auslösen auf den Film oder auf den Bildsensor kommt. Habe ich eine große Blende eingestellt, fließt das Licht wie durch einen voll geöffneten Wasserhahn hindurch. Mache ich die Blende kleiner, fällt logischerweise weniger Licht hindurch. Die Blende ist nichts weiter als ein verstellbares Loch im Objektiv, das sich je nach Wunsch des Fotografen (oder der Kamera-Automatik…) weiter öffnen oder enger schließen kann.

Auch für die Blendenzahlen hat sich eine Skala durchgesetzt, die allerdings zwei kleine Gemeinheiten enthält. Erstens: Je kleiner die Zahl, desto größer die Blendenöffnung. Blende 2,8 ist also wesentlich größer als beispielsweise Blende 16. Sie lässt sogar 32mal mehr Licht durch. Zählt es nach auf der folgenden Skala. Wie bei den Verschlusszeiten ist auch hier von oben nach unten mit jedem Feld eine Halbierung der Lichtmenge gegeben:

  • Blende 1,0
  • Blende 1,4
  • Blende 2,0
  • Blende 2,8
  • Blende 4,0
  • Blende 5,6
  • Blende 8,0
  • Blende 11
  • Blende 16
  • Blende 22
  • Blende 32
  • Blende 45

Die zweite kleine Gemeinheit in der Blendenskala ist, dass eine Verdoppelung bzw. Halbierung der Zahl (z. B. Blende 8 und Blende 16) nicht eine Stufe, sondern gleich zwei Blendenstufen ausmacht, also eine Vervierfachung oder eine Viertelung der Lichtmenge. Dies hat damit zu tun, dass die Blendenzahl etwas über den Durchmesser der Blende aussagt, die Lichtmenge aber von der Fläche der Öffnung bestimmt wird. Und bei doppeltem Durchmesser vervierfacht sich bekanntlich die Fläche eines Kreises.

Übrigens gibt es kaum ein Objektiv, dass die Extremwerte dieser Skala erreicht. Blende 1,0 bleibt für die meisten Fotografen ein eher theoretischer Wert, wenn auch schon Objektive mit dieser Riesen-Blende gebaut wurden. Bezahlbar wird es aber erst im Bereich ab ca. 1,4. Die Standard-Zoomobjektive vieler moderner Spiegelreflex-Kameras beginnen bei einer maximalen Blende von ca. 3,5 bis 5,6 und lassen als kleinste Blende oft ’nur‘ Blende 22 zu.

Meist ist die Blende irgendwo tief im Objektivgehäuse versteckt und verrichtet ihren Job weitgehend unbeobachtet. Beim hier abgebildeten Lensbaby-Objektiv jedoch kann man sich sehr einfach einen Eindruck von den Größenverhältnissen der Blendenöffnungen machen, da die Blende dort durch das Einsetzen einer schwarzen Metallscheibe verändert wird. Ohne eingesetzte Blendenscheibe hat das Lensbaby eine Offenblende von f/2,0 (was bei Brennweite 50mm einem Lochdurchmesser von 25mm entspricht; dazu später mehr).

Die Blendenscheiben (bzw. -ringe) werden mit dem unten auf dem Bild zu sehenden Werkzeug ausgetauscht, das in der Spitze einen Magneten hat, mit dem die Ringe aus dem Lensbaby herausgezogen und eingesetzt werden können. Die gerade nicht benötigten Blenden werden in diesem Gerät aufbewahrt; der graue Deckel erinnert doch sehr an den Deckel einer Filmdose für Kleinbildfilm. Wer also über 200 Euro ausgeben möchte für einen Filmdosendeckel und eine Abflussstöpselschnur, und wer sich vor extrem unscharfen Fotos nicht scheut, dem sei das Lensbaby hiermit besonders empfohlen. :-)

Um zu zeigen, dass sich die Blendenzahlen mit jeder zweiten Blende verdoppeln bzw. halbieren, habe ich die Blendenscheiben im Zickzack abgebildet. Die untere Reihe zeigt (neben der Offenblende 2.0) die Werte 4, 8 und 16. Zwischen diesen Blendenwerten liegen die Werte der oberen Reihe: 2.8, 5.6, 11 und 22.

Je größer die Maximalblende (Offenblende) eines Objektivs ist, desto mehr Licht lässt es also durch. Und um so kürzer kann man demnach die Verschlusszeit wählen. Deshalb haben die Sportfotografen im Fußballstadion meist so riesige Objektive an ihren Kameras. Sie kommen damit auch nicht unbedingt ’näher ran‘ als manch ein Hobbyfotograf mit Teleobjektiv. Aber ihre Bilder verwackeln nicht so leicht, und man sieht einen knackig scharfen Ball und nicht nur eine verwischte Spur des Balles, der sich ja bekanntlich im Flug kaum überreden lässt, mal eben für eine 30stel Sekunde zu stoppen. Mehr hierzu in den folgenden Kapiteln.

Kommen wir noch einmal zu der Belichtungsreihe mit der Kirche zurück: Anstatt die Verschlusszeiten zu ändern, kann man also auch über die Änderung des Blendenwertes eine solche Belichtungsreihe erzielen. Wenn das ’normal‘ belichtete Foto mit 1/250 Sekunde bei Blende 8 aufgenommen wurde, erhält man bei gleicher Verschlusszeit und Blende 11 das um 1 Stufe unterbelichtete Bild, und bei Blende 5,6 das entsprechend überbelichtete. Die entsprechenden Verschlusszeiten/Blenden-Kombinationen habe ich als Beispiele unter die Fotoreihe geschrieben. Es sind natürlich nur Beispiele – dasselbe Bild kann ja nicht sowohl mit ‚1/125, Blende 8‘ und ‚1/250, Blende 5,6‘ aufgenommen sein. Auch wenn der Helligkeitseindruck bei diesen beiden Kombinationen der Gleiche ist, kann die Bildschärfe u.U. erheblich abweichen. Dazu gibt es in einem späteren Teil dieses Fotokurses noch weitere Erläuterungen und Vergleichsfotos (siehe Lektion 6: Schärfentiefe).

Außer Verschlusszeit und Blende gibt es noch einen dritten Faktor, der die Belichtung des Bildes entscheidend beeinflusst, und den ich daher hier schon einmal kurz erwähnen möchte: Die Filmempfindlichkeit bzw. ISO-Empfindlichkeit, wie sie bei Digitalkameras meist genannt wird. Damit werden wir uns in Lektion 7 und Lektion 8 ausführlich beschäftigen.

Bevor wir nun zu den entscheidenenden Fragen kommen, wann man denn am besten mit welchen Verschlusszeiten oder mit welchen Blenden arbeitet, und wie man überhaupt die ‚richtige‘ Belichtung herausfindet, müssen wir uns noch ein wenig mit Objektiven beschäftigen. Denn die Art des Objektivs beeinflusst entscheidend mit, ob beispielsweise eine 60stel Sekunde noch ohne Verwacklung aus freier Hand aufgenommen werden kann. Darum geht es in Lektion 2 dieses Kurses.

Langzeitbelichtungen