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Folterkammer

Vor einigen Wochen hatte ich die Gelegenheit, bei einem befreundeten Zahnarzt für ca. 15 Minuten einen Behandlungsraum für eine Panorama-Aufnahme nutzen zu können. Vielen Dank an Dr. Thomas Bröhl und sein Praxisteam aus Köln-Mülheim für diese Gelegenheit.

Mein Ziel war es, die „Kammer des Schreckens“ in einer surreal anmutenden Darstellung zeigen zu können. Viele bekommen ja schon beim bloßen Betrachten des Behandlungsplatzes leichte Beklemmungsgefühle. Da bietet sich das doch fast von selbst an.

Also habe ich meinen Selbstbau-Panoramakopf aufgebaut und mein erstes Innenraum-Panorama aufgenommen. Die Bedingungen sind etwas anders, weil man weniger Abstand zu den Objekten im Vordergrund hat. Da muss die Einstellung des Panoramakopfes auf den sogenannten „Nodalpunkt“ oder parallaxfreien Punkt umso exakter sein. Zum Glück hat dies ganz gut hingehauen. Das folgende Grund-Panorama besteht aus 36 Aufnahmen – 3 Reihen zu je 12 Bildern (also alle 30 Grad), montiert mit der Panorama-Freeware Hugin:

Panorama Praxis Dr. Bröhl
Panorama 1: 360° x ~150°

Das Panorama hat horizontal einen Winkel von 360°. Das dunkle Regal an den Bildrändern ist also das Gleiche. Ich fand es am geschicktesten, die Ansicht dort zu trennen.

In der Vertikalen schafft mein Selbstbau-Panoramakopf leider nicht die 180°; es bleibt am Boden und an der Decke (also Nadir und Zenith) jeweils eine rundliche Öffnung. Dazu später mehr. Jedenfalls reichte auch der vertikale Winkel (von ca. 150-160°), um alle Details des Raumes einzufangen. Meine zusätzlichen Versuche, Boden und Zimmerdecke mit einem Freihandfoto brauchbar abzulichten, scheiterten leider: Ich hatte schlicht vergessen, nach den Stativaufnahmen den Bildstabilisator wieder einzuschalten, und so sind die Aufnahmen verwackelt, was mir aber zunächst gar nicht auffiel.

Panorama Praxis Dr. Bröhl
Panorama 2: Rund

Dieses Panorama kann man nun natürlich mit dem Polarkoordinaten-Filter von Gimp etc. zu einem Kreis zusammenbiegen. So habe ich es ja schon einige Male hier gezeigt. Man kann normale Fotos zu „kleinen Planeten“ zusammendrehen, oder man nimmt dafür ein 360°-Panorama, damit man keine Schnittkante hat.

Panorama Praxis Dr. Bröhl
Panorama 3: Ecken ausgemalt

Für die dritte Version dieses Bildes wurden nun die Ecken mit dem Klonstempel ausgemalt, denn die meisten Foto-Abzüge sind nunmal eckig. Das Ergebnis ist aber noch nicht so surreal und effektvoll, wie ich es mir vorgestellt hatte. Mit der stereographischen Projektion, die ich z.B. beim Elberfelder Rathaus schon verwendet habe, müsste doch noch mehr gehen…

Panorama Praxis Dr. Bröhl
Panorama 4: Zwei Löcher

Wählt man in der Hugin-Vorschau (nach fertiger Ausrichtung der Einzelbilder) die stereographische Projektion, dann kann man durch Verschieben der Maus eine beliebige Perspektive bestimmen. Die hier gewählte gefällt mir ganz gut, weil sie den Behandlungsstuhl einigermaßen in den Vordergrund rückt und insbesondere durch die Elemente am linken Bildrand eine schön surreal anmutende Darstellung ergibt.

Nun sieht man auch gut, welche Bereiche mein Panoramakopf nicht erfasst hat: Das rundliche Loch in der Zimmerdecke (Zenith) und das Bodenloch (Nadir) mit den Aussparungen der 3 Stativbeine. Die Bereiche, in denen Stativ und Panoramakopf auf den Bildern zu sehen ist, hatte ich maskiert, damit die Kontrollpunktsuche hier keine Fehler macht.

Als nächsten Arbeitsschritt habe ich jeweils eine senkrechte Projektion auf Zenith und Nadir gewählt und aus Hugin als Panoramen exportiert. In diesen Dateien habe ich dann die beiden Löcher gestopft (mit dem Klonstempel von Gimp) und diese retuschierten Bilder dann als Zenith- und Nadirbilder mit manuell gesetzten Kontrollpunkten eingefügt:

Retusche von Zenith und NadirWie man sieht, ist die Retusche am Boden nicht wirklich gut geglückt. Das Problem ist der Schatten des Stativs und die ohnehin dort sehr unregelmäßigen Beleuchtungsverhältnisse. Nun sieht das PVC aus, als hätte man dort ein Malheur mit zu scharfem Putzmittel weggewischt. Für Tipps, wie man sowas mit Gimp besser hinbekommt, bin ich durchaus dankbar (am besten als Kommentare zu diesem Artikel).

Mit den eingefügten Boden- und Deckenstücken sieht das fertige Panorama (equirectangular) nun so aus:

Panorama Praxis Dr. Bröhl
Panorama 5: 360° x 180°

Nun reicht es also auch vertikal vom „Nordpol“ bis zum „Südpol“. Die komplette oberste Pixelzeile – und ebenso die unterste – sind also in Wirklichkeit nur jeweils 1 Punkt. Es ist eine vollständige Kugel-Abwicklung, also 360° mal 180°.

Panorama Praxis Dr. Bröhl
Panorama 6: Kleiner Planet (?)

Da nun die Kugel in Hugin vollständig ist, kann man nun auch stereographische Projektionen ohne Löcher berechnen lassen. Zunächst habe ich das Bild in der Projektion eines klassischen „kleinen Planeten“ ausgegeben. Wie man sieht, wirkt es bei Innenräumen nicht sonderlich planetenähnlich, da außen kein Himmel ist. Außerdem tritt der Stuhl arg in den Hintergrund, wenn man einen großen Bildwinkel wählt.

Mit anderen Worten: Da geht noch mehr. Die klassische Ansicht genau auf den Nadir ist hier nicht die optimale Variante. Mir gefallen folgende frei aufgezogenen stereographischen Varianten wesentlich besser:

Panorama Praxis Dr. Bröhl
Panorama 7: Surreal
Panorama Praxis Dr. Bröhl
Panorama 8: Surreal

Wirklich alptraumhaft wirkt das Bild allerdings trotzdem nicht. Vielleicht müsste man es noch dramatischer nachbearbeiten. Vielleicht hätte ich aber auch ein (künstliches) Skelett auf den Behandlungssessel setzen sollen, mit dem zahnarzttypischen Papierlätzchen, mit Scheinwerferlicht auf dem Mund und dem Bohrer zwischen den Zähnen…

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Mein Sonnensystem

Nachdem ich im letzten Blog anhand von 4 Beispielen gezeigt habe, wie man „Kleine Planeten“ selber erzeugt, gibt es diesmal die Galerie mit meinen bisherigen 8 Planeten (reiner Zufall, dass auch ‚mein‘ Sonnensystem nur bis 8 zählen kann, seit Pluto nicht mehr mitzählt):

Wie man sieht, sind auch zwei Planetchen für die Kölner Bahnfans mit dabei: Auf dem einen sieht man die U-Bahn-Station Poststraße unmittelbar vor dem Umbau, als sie noch die ’schönen‘ orangen Kacheln hatte. Grundlage für dieses Bild war der Versuch, die Haltestelle in kompletter Länge abzubilden, was mir (damals…) allerdings nicht ohne Nahtstellen gelang.

Das andere Foto stammt vom letzten Tag der Kölner Achtachser. Der Zug ist gerade in die Hauptwerkstatt eingerückt und zeigt als Planetenbild eindrucksvoll, was man unter dem Begriff „Rundfahrt“ in der HW versteht… :-)

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Kleine Planeten

Die letzten paar Tage habe ich mich mal mit einer Sorte Fotos beschäftigt, die ich schon manches Mal im Web bewundert habe. Lil‘ Planets oder little Planets werden sie genannt, und sie zeigen die Welt zusammengebogen zu einem kleinen Planeten, ähnlich den Miniplaneten in der schönen Geschichte „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry.

Nachdem ich bereits vor Monaten kleine Planeten von Michael W. in Facebook gesehen hatte (Danke, Michael), und er mir den Tipp gegeben hatte, dass der dazugehörende Filter in Gimp oder Photoshop „Polarkoordinaten“ heißt, konnte es also losgehen:

Als erstes Versuchsobjekt suchte ich mir ein Bild von den Kränen im Hamburger Hafen aus. Es erschien mir deshalb geeignet, weil es einen geraden Horizont hat, aus dem einzelne Objekte herausragen. Links das Original, rechts die Bearbeitung mit dem Filter „Polarkoordinaten“ in Gimp:

Wie man sieht, habe ich per Tonwertkorrektur das Bild so verändert, dass der Himmel komplett weiß wird. Dadurch hat man keine Freistellungs-Probleme und der Planet schwebt quasi ‚im Nichts‘.

Der Polarkoordinaten-Filter wickelt das Bild also einmal um die Achse, genau wie die Zylinderspiegel-Anamorphosen, mit denen Maler schon in früheren Jahrhunderten ihr Talent unter Beweis stellten. Die einzelnen Pixel-Spalten des Fotos werden als Strahlen von einem gemeinsamen Mittelpunkt angeordnet. Dadurch wird die untere Kante des Bildes zu einem einzelnen Punkt verengt, während Elemente umso breiter erscheinen, je weiter sie von der Bildunterkante entfernt sind.

Wenig zufriedenstellend ist bei meinem Beispiel aus dem Hamburger Hafen allerdings der Übergang zwischen den seitlichen Bildrändern. Zwar bekommt der „Planet“ insgesamt eine runde Form (da der Horizont gerade und horizontal verläuft), aber es gibt massive Farbunterschiede an der Nahtstelle. Hinzu kommt, dass das Grünzeug im Vordergrund auch nur an einem Bildrand wächst. Hier müsste man also noch stempeln und vielleicht auch versuchen, die Farbunterschiede wegzukorrigieren.

Little Planet: Hamburg KunsthalleMein zweiter Kleinplaneten-Versuch entstand aus einem Bild, das ich schon hier im Blog-Artikel Abendspaziergang an der Alster gezeigt hatte.

Bei diesem Bild bot es sich an, den schönen blauen Himmel mit zu verwenden. Leider fehlen meist Himmel-Pixel an den vier Ecken des Planetenfotos. Diese muss man dann mit dem Klonstempel ergänzen.

Die Naht ließ sich hier etwas besser tarnen, da sich das Haus im Hintergrund mit Grünzeugs überstempeln ließ. Besonders in den Wolken sieht man dennoch, dass hier gepfuscht wurde.

Little Planet: Kölner Dom vom KölnTriangleDas nächste Little-Planets-Kunstwerk entstand aus einem Foto vom Köln-Triangle auf den Kölner Dom. Hier hatte ich keine Lust auf Wolkeneckenauspixeln. Daher habe ich einen „Planeten mit Atmosphäre“ erschaffen. Natürlich muss die Atmosphäre nicht mit einer harten Kreislinie in das dunkle Blau des Weltalls übergehen, sondern mit einem weichen Verlauf. Sehr realistisch sieht es dennoch nicht aus…

Auch bei diesem Bild ist der Übergang nicht so dolle. Leider war auf dem verwendeten Originalfoto das blaue Zelt des Musical Dome nicht komplett drauf. Man hätte also eine Menge tricksen müssen, um die Naht zu kaschieren. Das hat Michael W. bei seiner Version dieses Motivs, die er am nächsten Tag in Facebook zeigte, eindeutig besser hinbekommen. Vielleicht gibt er uns ja einen Link in den Kommentaren und erzählt uns dazu, wie er es gemacht hat…

Little Planets: Doppelter RegenbogenFür die folgenden Bilder habe ich meinen Bildbestand nach geeigneten Panoramafotos durchsucht. Nach einigen Experimenten mit dem Regenbogen-Panorama aus meiner Fotogalerie entschloss ich mich, das Kanten-Problem durch einen Spiegeltrick zu umschiffen: Rechts an das Ausgangsfoto wurde das gleiche Bild horizontal gespiegelt noch einmal dran gesetzt. So entstand dieser symmetrische Planet, dessen doppelte Regenbögen sich wie die Flügel eines dicken Käfers an den Planeten fügen.

Bei langgezogenen Bildern wie z.B. diesem doppelt breiten Panorama empfiehlt es sich übrigens, vor Anwendung des Polarkoordinaten-Filters das Bild auf eine quadratische Grundfläche zu bringen, indem man es neu skalieren lässt – in der Höhe gestreckt und in der Breite gestaucht. Nimmt man dafür z.B. 3000 mal 3000 Pixel, erhält man ein Planetenfoto von 9 Megapixel Grundfläche. Natürlich sollte das Panorama dafür die nötige Bildgröße und -qualität mitbringen.

Der Polarkoordinaten-Filter bietet noch einige Möglichkeiten mehr, die ich hier nicht erwähnt habe. Man kann die Bilder z.B. auch von der Oberkante her zusammenrollen. Dann liegt der Himmel innen und man bekommt die Welt nicht als ‚Planeten‘, sondern als ‚Röhre‘ dargestellt. Damit sind ebenfalls sehr hübsche Effekte erzielbar.

Auch kann man im Polarkoordinaten-Filter von Gimp einstellen, an welcher Stelle die Naht zu liegen kommt. So braucht man das Bild nicht nachträglich drehen.

Für eigene Experimente mit dieser kreativen Bildbearbeitungsmethode hier meine bisherigen Erfahrungen in Zusammenfassung:

  • Das Ausgangsfoto benötigt einen geraden Horizont bzw. Wasserspiegel, etc. Gegebenenfalls das Foto entsprechend drehen und zuschneiden, bis linker und rechter Bildrand zusammenpassen.
  • Auch Farbkorrekturen sind vermutlich leichter vor dem Dreh zu machen.
  • Eventuell kann man das Bild testweise schon vorher „kacheln“, also zweimal nebeneinanderstellen, um zu sehen, wie sich der Übergang gestalten lässt.
  • Wenn besonders breite Bilder eingerollt werden sollen, dann empfiehlt es sich, diese vorher auf ein quadratisches Format zu verzerren. Hat das Ausgangsbild als Panorama z.B. 2345 mal 9876 Pixel, so würde ich es vermutlich auf 4000×4000 Pixel skalieren. So wird die Qualität meist besser.
  • Nach der Anwendung des Polarkoordinaten-Filters kommt die „Kür“: Unsichtbarmachen des Übergangs mit Klonstempel, etc. Hier kann man es zu wahrer Meisterschaft bringen, von der ich aber noch weit entfernt bin.

Und nun viel Spaß mit eigenen Experimenten. Es ist wirklich viel einfacher, als es aussieht.

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Umbauvorschlag für den Kölner Dom

Hier meine zweite HDR-Bearbeitung (diesmal „Enhancer Standard“), nachdem ich ja die Grundlagen und Version 1 des Mahnmals St. Nikolai Hamburg bereits im vorigen Artikel angesprochen hatte.

HDR, Mahnmal St. Nikolai HamburgDa der Turm nur knapp 10 Meter niedriger ist als der Kölner Dom, schlage ich die Neugestaltung der ehemaligen Hamburger Hauptkirche auch für Köln vor. Es würde die Unterhaltskosten des Kölner Domes massiv senken, wenn man nur 1 Turm stehen lassen würde. Auch gäbe es mehr Platz für Skater und Junkies. Die Glocken könnte man ähnlich wie hier befestigen, so dass sie auch einem größeren Publikum zugänglich wären. Und überhaupt ist ein Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 wichtiger und bedeutender als eine Kirche, die ohnehin fast nur noch touristisch genutzt wird.

Wenn Euch der Vorschlag gefällt (oder falls es tatsächlich Gegenargumente gibt), dann schreibt dies doch in den Kommentaren. Ab 10.000 Kommentaren schicke ich je einen Ausdruck der Seite an die Kölner Stadtverwaltung und an die Dompropstei oder wie das heißt.

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Stereofotos anfertigen

Stereofotos selbst erzeugen

Auch ohne spezielle 3D-Kamera kann man recht einfach Raumbilder erstellen. Es geht mit jeder Foto-Kamera. Was an Grundlagen zu beachten ist, schildere ich hier in diesem Kapitel.

Zunächst ein paar grundsätzliche Erklärungen: Unser Gehirn erzeugt aus der Wahrnehmung unserer beiden Augen ein räumliches Bild, indem es auf Unterschiede in den beiden Einzelbildern reagiert. Dadurch, dass unsere Augen etwa 7cm Abstand haben, sehen sie Gegenstände im Vordergrund aus leicht anderem Blickwinkel. Sie haben vor dem Hintergrund der Szene auch eine etwas andere Position.

Stellen wir uns eine Szene vor: Vor uns ein parkendes Auto, dahinter ein Haus, in dessen Hintergrund sich die Berge erheben. Geht man in dieser Szene einen Schritt nach rechts, so wird sich der Hintergrund kaum verändern – im Verhältnis zur Entfernung der Berge hat unser kleiner Schritt keine sichtbaren Auswirkungen. Auch das Haus auf der anderen Straßenseite hat sich nur geringfügig verändert – es nimmt im Vergleich zu seinem Hintergrund eine leicht verschobene Position ein. Am deutlichsten wirkt sich die veränderte Perspektive auf das Auto im Vordergrund aus. Es erscheint deutlich vor einem anderen Teil des Hauses; auch blickt man jetzt in einem erkennbar anderen Winkel auf das Kennzeichen, etc.

Aus solchen Unterschieden zwischen zwei Bildern erzeugt das Gehirn den Raumeindruck. Je weiter vorne ein Objekt liegt, desto größer seine Verschiebung auf den beiden Einzelbildern der Augen.

Geht man nun in der Straße 20 Meter weiter nach rechts, so sind Auto und Haus aus dem Blick auf die Berge verschwunden. Die Berge präsentieren sich durch ihre große Entfernung jedoch fast genau aus der gleichen Perspektive.

Durch den festen Abstand unserer Augen ist der Bereich, in dem eine gute räumliche Wahrnehmung funktioniert, festgelegt. Halten wir einen Gegenstand direkt vor unsere Nase, funktioniert das räumliche Sehen nicht – wir sehen nur ein mehr oder weniger unscharfes Doppelbild.

Schauen wir hingegen auf eine Szene in mehr als 100 Meter Entfernung, dann können wir allein aufgrund des Raumeindrucks nicht mehr unterscheiden, welcher Baum beispielsweise weiter vorne und welcher weiter hinten ist. Hier hilft uns natürlich unser antrainiertes perspektivisches Empfinden, so dass wir dennoch wissen, welcher Baum näher ist. Mit stereoskopischem Sehen hat dies aber nichts mehr zu tun.

Stereobasis

Was lernen wir nun aus diesen Beispielen über die Einzelbilder für ein gutes Stereofoto? Die wichtigste Lektion sollte sein, dass es keinen einzigen festen Ideal-Abstand gibt. Je nach Szene können gute 3D-Fotos mit völlig unterschiedlichem Einzelbild-Abstand (Stereobasis genannt) aufgenommen sein. Wer Stereo-Makros von Ameisen machen möchte, kommt ggf. mit 1-2mm Stereobasis aus, während ich schon stereoskopische Luftaufnahmen der Alpen gesehen habe, die aus großer Höhe mit knapp 1km Stereobasis aufgenommen wurden (errechnet aus der Fluggeschwindigkeit und dem Sekundenabstand der Einzelbilder).

Es gibt eine Faustformel, mit der man sich als Anfänger in etwa behelfen kann, solange es sich um „normale“ Stereofotos mit einem üblichen Weitwinkel-Objektiv handelt: Die Stereobasis sollte etwa 1/30 des Motivabstands betragen. Da meine Stereokamera (Fuji Real 3D W1) eine feste Basis von knapp 8cm hat, sollte der Mindestabstand zum Motiv also möglichst nicht unter ca. 240cm liegen.

Wenn ich nun eine Szene in 6m Entfernung fotografiere, so kann meine Stereobasis durchaus ein Stück größer gewählt werden, wenn ich einen starken Raumeffekt haben möchte. Gemäß der Faustformel wären es demnach etwa 20cm.

Statt nun ständig Abstände zu messen und zu berechnen, sei an dieser Stelle gesagt: Man bekommt mit der Zeit ein Gefühl dafür, und außerdem kostet es ja nichts, 3 oder 4 Aufnahmen in einer weiter nach rechts führenden Reihe zu machen und später zu schauen, welches Bildpaar einen möglichst guten Stereo-Effekt gibt, ohne schon zu weit auseinander zu sein (was zu Kopfschmerzen oder gar zu „stereoskopischem Zerfall“ führt, wenn sich die Bilder nicht mehr beim Betrachten zu einem Stereobild zusammenfügen).

Richtige „Stereo-Freaks“ verweden übrigens gerne ein Gespann von 2 identischen Kameras, die auf einer Schiene fest verbunden sind. Wenn diese Schiene so konstruiert ist, dass man die Kameras auseinanderschieben kann, dann hat man sogar eine (in Grenzen) variable Stereobasis. Die beiden Digitalkameras werden über eine modifizierte Firmware synchron per Fernauslöser ausgelöst. Dadurch kann man auch sich bewegende Motive stereoskopisch aufnehmen – so wie ich dies auch mit meiner Fuji W1 mache, die mir als Immerdabei-Lösung wesentlich sympathischer ist als so ein sperriges Gespann. Auf www.stereoforum.org findet man jedenfalls viele Tipps zum Thema Stereo-Gespanne.

Doch nun geht es um eine Methode, wie man auch mit einer gewöhnlichen „Mono“-Kamera Stereofotos machen kann. Und zwar mit JEDER Fotokamera, von der Handyknipse bis zur teuren Profikamera. Einzige Einschränkung: Die Motive müssen still halten, denn die Bilder werden nacheinander erzeugt, also nicht gleichzeitig.

Simplicissimus

3 geringfügig verschiedene Perspektiven
Grimmelshausen

Als Beispiel für das Erstellen von passenden Einzelbildern habe ich den ehrenwerten Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen für eine Portraitsitzung gewinnen können. Da er in seinem Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus“ auch die Gier der barocken Gesellschaft nach Marzipan beschreibt, hat er als Marzipanfigur einen Ehrenplatz im Niederegger-Marzipansalon in Lübeck bekommen.

Wegen des gedämpften Lichts kam die Spiegelreflexkamera zum Einsatz und ich habe – wie oben beschrieben – eine Serie von 3 Fotos gemacht. Wenn man die Bilder (nach Großklicken) vergleicht, so sieht man die perspektivischen Unterschiede. Deutlich wird dies z.B. am Schatten der Hutfeder oder an der Beuge des rechten Ellenbogens, die im linken Bild noch gut zu sehen ist, während sie im rechten Bild von dem flammenden Herzen verdeckt wird.

Wichtig ist beim Fotografieren für Stereobilder, dass möglichst kein Höhenfehler auftritt. Die Bilder sollten also möglichst alle aus der gleichen Kamerahöhe aufgenommen sein. Idealerweise kann man dies natürlich mit einem Schiebeschlitten auf dem Stativ erreichen, aber auch Freihand-Aufnahmen führen bei der späteren Bearbeitung mit StereoPhoto Maker zu schönen Ergebnissen, wenn die Höhe möglichst gut beibehalten wurde. Eine Verschiebung des Bildausschnittes durch Kippen oder Drehen der Objektivachse lässt sich mit dem Programm beheben (wobei dann natürlich ein kleinerer Bildausschnitt in Stereo übrigbleibt), aber gegen Höhenfehler hilft keine Software wirklich gut.

Um Höhenfehler auch bei Freihand-Stereos zu vermeiden, haben sich viele Raumbildfotografen als Aufnahmetechnik den sogenannten Cha-Cha angewöhnt: Stehend verlagert man sein Gewicht auf das linke Bein und hält die Kamera in einer Position, die man möglichst stabil beibehalten kann (Ellenbogen an Körper andrücken, etc.). So macht man das erste Foto und merkt sich die Display-Anzeige bzw. den Sucher-Ausschnitt. Man behält nun genau diese Kamerahaltung bei und wechselt nun auf das rechte Bein als Standbein. Schon ist die Kamera ein paar Zentimeter weiter rechts bei ansonsten fast unveränderter Lage.

Stereobild (Parallelblick)
Stereofoto

Bei meinen 3 Grimmelshausen-Aufnahmen sieht man schon mit bloßem Auge, dass die rechte leider etwas verschoben ist, was sie in Bezug auf Höhenfehler verdächtig macht. Auch ein Ausprobieren aller drei Kombinationen (1+2, 1+3, 2+3) mit der Autojustage von StereoPhoto Maker bestätigt, dass sich die Bilder Links und Mitte am besten kombinieren lassen.

Die Bearbeitung des Bildpaares erfolgt wie schon in dem Kapitel über die Erstellung von Anaglyphenbildern beschrieben. Nach der Auto-Justage wählt man die Lage des Motivs in Bezug auf die Scheinfensterebene mit Hilfe der Tasten Pfeil rechts/links. Bei diesem Motiv bietet es sich an, Herrn Grimmelshausen so zu stellen, dass sein Körper zwar hinter dem Scheinfenster steht (um einen Scheinfensterkonflikt an der unteren Fensterkante zu vermeiden), dass er jedoch dem Betrachter seine Linke mit dem flammenden Herzen durch das „offene Fenster“ entgegenstreckt.

Wer sich das hier gezeigte Stereofoto abspeichert und in SPM lädt, kann es mit der Betrachtungsweise seiner Wahl anzeigen lassen. Ich zeige Euch aber gerne auch die Version als Halbton-Anaglype für die Rot-Cyan-Brille am Ende des Artikels.

Generell empfehle ich übrigens die Speicherung in SPM nicht nur als Anaglyphe, sondern auch als Stereofoto (im Prinzip wie hier gezeigt, aber natürlich nicht verkleinert, sondern in voller Auflösung). Denn in der Anaglyphe sind die Farben ja verfälscht, und das Bild lässt sich auch nicht mehr sauber trennen. Mit einem solchen Stereobild, das einfach beide Ansichten nebeneinander trägt, kann man aber auch später noch die Darstellungsart problemlos wechseln (beispielsweise für Shutterbrille oder als Stereokarte statt Halbton-Ana), etc.

Advanced 3D

Bei Fotos mit großer Stereobasis versagt die Cha-Cha-Methode natürlich. Da muss man halt ein paar Schritte gehen. Man sollte sich den Bildausschnitt der ersten Aufnahme gut einprägen, bevor man zum Livebild der zweiten Aufnahme wechselt und versucht, einen möglichst ähnlichen Ausschnitt auf gleicher Höhe anzuvisieren.

Kölner Dom, 2 Aufnahmen überlagert
Doppelbild

Hilfreich ist dabei der Modus Advanced 3D meiner Fuji W1, den ich mir auch an allen anderen Digitalkameras wünschen würde. Da er nur ein Objektiv benötigt, wäre es auch kein Problem, andere Live-View-Kameras damit auszustatten. Es ist eine reine Software-Frage. Im Advanced-3D-Modus wird bei der Aufnahme des zweiten Fotos das Bild des ersten halbtransparent mit eingeblendet. So sieht man beim Suchen des Ausschnittes zwar ein „verschwommenes“ Bild, aber man erkennt anhand der größeren Konturen, ob man in die richtige Richtung zielt.Es geht natürlich auch ohne diesen speziellen Modus. Zum Glück kann man ja direkt nach der zweiten Aufnahme zwischen beiden Einzelbildern hin- und herschalten. Mit ein wenig Erfahrung sieht man dann schon recht gut, ob sich die Bilder zur späteren Stereo-Bearbeitung eignen, oder ob man sicherheitshalber noch einen zweiten Aufnahmeversuch starten sollte.

Rot-Cyan-Anaglyphe
Blick vom KölnTriangle

Schön sieht er aus, der 3D-Blick vom Triangle-Turm in Köln. Die Basis war ca. 3-5m, schätze ich jetzt jedenfalls. Daher bekommt das Stadtpanorama eine Räumlichkeit, wie man es sonst eher auf Modellbahnanlagen wahrnimmt. Manche empfinden das als künstlich und modellhaft, aber mir gefällts.

Schaut man sich die mit SPM justierte Anaglyphe genauer an, so sieht man auch einige Schwachpunkte des Verfahrens: Da zwischen den Aufnahmen einige Sekunden vergangen sind, hat das Schiff unter der Brücke inzwischen seine Position gewechselt, und auch der Zug, der sich beim linken Bild noch unter den Bögen der Hohenzollernbrücke versteckte, ist auf dem rechten Bild in den Bahnhof eingefahren und stört so die stereoskopische Wahrnehmung. Solche inhaltlichen Unterschiede zwischen den beiden Einzelfotos nimmt unser Gehirn schnell als Fehler wahr. „Da stimmt doch was nicht!“, und schon schaut man genauer hin. Wenn man dann abwechselnd die Augen zukniept, sieht man recht einfach, wo das Stereobild inhaltliche Fehler aufweist.

Dies ist übrigens kein neues Problem: Schon vor gut 150 Jahren hatten Stereo-Fotografen damit zu kämpfen. In dem Buch, das ich im April-2010-Editorial empfehle, findet sich beispielsweise die Wiedergabe einer Stereokarte, auf der die Kirchturmuhr verschiedene Zeiten auf den Einzelbildern anzeigt. Heutzutage hat man jedoch die Möglichkeit, solche Fehler mit dem Klonstempel von SPM schon bei der Stereo-Bearbeitung zu korrigieren.

Soviel erst einmal zur Erstellung von Stereobildpaaren. Bestimmt lässt sich noch viel mehr dazu sagen, aber ich will ja auch nicht mit riesigen Textwüsten verwirren und langweilen. Wenn aber noch wichtige Aspekte unerwähnt geblieben sind, könnt Ihr mir gerne hierzu schreiben.

Rot-Cyan-Anaglyphe Rot-Cyan-Anaglyphe Rot-Cyan-Anaglyphe

Niederegger Marzipansalon Lübeck