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Anfängerkurs, Lektion 5

Wischi-Waschi: Verwacklungs- und Bewegungs-Unschärfe

Nachdem wir in der vorangegangenen Lektion geklärt haben, dass Verwacklung eigentlich nichts mit Unschärfe (im Sinne von Fehlfokussierung) zu tun hat, auch wenn man von „Verwacklungsunschärfe“ bzw. „Bewegungsunschärfe“ spricht, wollen wir nun noch etwas näher darauf eingehen, wie man ungewollte Verwacklung vermeiden kann und wie man Verwacklungs-Effekte wirkungsvoll für interessantere Fotos einsetzen kann.

Verwacklung

Wir haben bereits festgestellt: Verwacklung entsteht, wenn sich die Kamera während der Verschlusszeit relativ zum Motiv bewegt. Dann erscheint die ganze Aufnahme verwischt, macht also einen ‚unscharfen‘ Eindruck, auch wenn korrekt scharfgestellt wurde. Das ganze Foto ist dann misslungen.

Um Verwacklung zu vermeiden, sollte man daher (wie bereits erläutert) entweder eine ausreichend kurze Verschlusszeit wählen, oder ein Stativ verwenden. Auch sind eine ‚ruhige Hand‘ beim Fotografieren oder die Verwendung eines Blitzgerätes ebenfalls gute Mittel gegen verwackelte Fotos.

Natürlich ist Verwacklung eine relative Sache, und es kommt auf den Verwendungszweck und die eigenen Ansprüche an. Dem Einen ist ein Foto zu stark verwackelt, weil er große Abzüge mit hoher Schärfe in Top-Qualität davon braucht. Dem Anderen würde das gleiche Foto vielleicht noch ausreichend erscheinen, weil er nur kleine Abzüge benötigt oder eine geringe Auflösung zur Veröffentlichung im Internet. Dennoch sollte man sich immer bemühen, bei jedem Bild eine möglichst hohe Qualität zu erreichen. Denn sonst ärgert man sich vielleicht später, falls man doch mal einen größeren Abzug des Fotos machen lassen möchte, dass es dann matschig und unscharf aussieht.

Verwacklung vermeiden: Mit ‚ruhiger Hand‘ fotografieren

Im Bereich der ‚analogen‘ Kleinbild-Fotografie hat sich als Faustregel eingebürgert, dass man aus freier Hand (also ohne Stativ oder sonstige Abstützung der Kamera) Verschlusszeiten längstens bis zum Kehrwert der Brennweite verwenden kann. Das klingt komplizierter als es ist, daher erkläre ich es mit einem Beispiel:

Hat man beispielsweise ein 30mm Weitwinkel-Objektiv aufgesetzt, kann man nach dieser Faustformel längstens 1/30 Sekunde aus freier Hand belichten, ohne dass es verwackelt. Verwendet man hingegen z.B. ein 200mm Tele-Objektiv, dann sollte auch die Verschlusszeit bei Fotos aus freier Hand nicht länger als 1/200 Sekunde betragen.

Bei digitalen Spiegelreflex-Kameras verlängert sich dieser Wert theoretisch noch um den Crop-Faktor der Kamera (siehe Lektion 2: Brennweite), aber wer eine ruhige Hand hat, kann evtl. auch mit der Kleinbildkamera-Faustformel auskommen. Genaugenommen müsste man so rechnen: „Ich hab ein 50mm-Objektiv drauf, das sind (50×1,6) umgerechnet auf Kleinbild 80mm, also sollte ich nicht länger als 1/80 Sekunde belichten“.

AusschnittDas Bild rechts beweist, dass ich wohl eine ‚ruhige Hand‘ habe: Es ist ein unverkleinerter Ausschnitt (100%) aus dem Bild oben. Man sieht also jedes Pixel so, wie es von der Kamera aufgezeichnet wurde. Bei 22mm Brennweite habe ich es mit 1/25 Sekunde aus freier Hand fotografiert, und Verwacklungsspuren sind nicht zu erkennen. Würde ich die Formel mit Berücksichtigung des Crop-Faktors anwenden, hätte ich mich nicht getraut, unter 1/35 Sekunde zu belichten, denn 22mm Brennweite entsprechen an der EOS 20D ja bekanntlich 35mm auf Kleinbild umgerechnet. Aber wie man sieht, hat es hingehauen, auch mit 1/25 Sekunde.

Was macht man aber, um eine ausreichend kurze Verschlusszeit gemäß dieser Faustformel auch bei düsteren Lichtverhältnissen zu erreichen? Wie bereits in Lektion 1 (Verschlusszeit und Blende) besprochen, kann man evtl. eine Blende einstellen, die weiter offen ist. Das Problem ist nur, dass die Objektive mit einer hohen Lichtstärke (große Offenblende) meist so unbezahlbar teuer sind. Man kann auch einen empfindlicheren Film einlegen bzw. die Digitalkamera auf eine höhere Empfindlichkeit umstellen. Welche Vor- und Nachteile dies bringt, wird in Lektion 7 und Lektion 8 behandelt.

Verwacklung vermeiden: Bildstabilisatoren

Dort, wo selbst eine ‚ruhige Hand‘ nicht mehr ausreicht, um ein verwacklungsfreies Bild zu erzeugen, können vielleicht Objektive bzw. Kamerasysteme mit einem Bildstabilisator weiterhelfen. Im Objektivprogramm von Canon sind solche Objektive mit den Buchstaben IS für „Image Stabilizer“ gekennzeichnet. Sigma nennt es OS für „Optical Stabilizer“, und andere Hersteller haben wiederum andere Bezeichnungen. Konica Minolta und andere Firmen (z.B. Sony) gehen einen anderen technischen Weg und bauen ein „Anti-Shake-System“ mit „Sensor-Shift“ in das Kameragehäuse statt in das Objektiv.

Beiden Systemen gemeinsam ist, dass sie Wackelbewegungen einer in der Hand gehaltenen Kamera reduzieren können, und zwar um ca. 2 bis 3 Blendenstufen. Hat man beispielsweise das recht beliebte Telezoom „Canon EF 70-300mm f/4-5,6 IS USM“ im Einsatz, beträgt die Verwacklungsgrenze bei maximaler Brennweite nach obenstehender Faustformel bekanntlich etwa 1/500stel Sekunde (300×1,6=480), wenn der IS nicht eingeschaltet ist. Bei einer maximalen Blende von 5,6 braucht man da schon ziemlich viel Licht. Schaltet man den Bildstabilisator jedoch hinzu, kann man evtl. noch mit 1/60stel Sekunde verwacklungsfreie Bilder aus freier Hand schießen. Drei Blendenstufen bringen ja bekanntlich eine 8fach verlängerte Verschlusszeit. Und dies zu einem Preis, der weit unter einem Telezoom mit einer Maximalblende von 2,0 (entspricht 3 Blendenstufen über 5,6) liegt – falls es das überhaupt gibt. Eine sehr feine Sache.

An dieser Stelle sollte man jedoch berücksichtigen, dass der Bildstabilisator NUR die Verwacklungen der Kamera ausgleicht, jedoch im Gegensatz zu einer größeren Blende (oder einer höheren ISO-Empfindlichkeit) nicht die Verschlusszeit verkürzt. Wenn das Motiv also zu unruhig für 1/60stel Sekunde ist, dann nützt auch der Stabilisator wenig. Eine leidvolle Erfahrung der Konzertfotografie: Man sieht zwar einen unverwackelten Mikrofonständer, aber die Sängerin hat sich in der sechzigstel Sekunde wieder einen halben Meter bewegt…

Doch wie funktioniert so ein Stabi? Elektronische Sensoren messen die Wackelbewegungen der Kamera. Bei den Systemen, wo der Bildstabilisator in die Objektive eingebaut ist (z.B. Canon), wird durch ein elektrisch bewegliches optisches Element die Wackelei des Kamerahalters möglichst so ausgeglichen, dass die Lichtstrahlen ohne Wackler auf den Film bzw. Sensor fallen. Die kamera-interne Lösung arbeitet hingegen mit einem elektrisch verschiebbar gelagerten Sensor. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Hauptvorteil des Sensor-Shift-Systems: Es steht damit allen Objektiven an dieser Kamera zur Verfügung. Wichtiger Nachteil: Trotz kleinem Sensor mit Crop-Faktor müssen alle Objektive für einen größeren Bildkreis gerechnet sein, da ja der Chip „Platz“ zum Bewegen braucht. Auch sieht man die Stabilsierung nicht im Sucherbild. Die Lösung der meisten anderen Kamerahersteller, den „Stabi“ in die Objektive einzubauen, hat den großen Vorteil, dass dies auch an anderen Spiegelreflexkameras (inklusive ‚analogen‘ Kleinbildfilm-Kameras) funktioniert, und dass auch der Blick durch den Sucher stabilisiert ist. Nachteil ist natürlich, dass man für jedes Objektiv den Stabilisator extra bezahlt.

Sigma 18-200 ohne und mit OS
Sigma 18-200 ohne/mit OS

Das Foto zeigt links das Sigma 18-200 ohne Stabilisator und rechts das Sigma 18-200 mit Stabilisator. Wie man sieht, braucht die zusätzliche Technik im Objektiv ihren Platz: Die stabilisierte Version dieses Objektivs ist deutlich größer (und schwerer und teurer, was man allerdings auf dem Foto nicht sieht). Das „Sigma DC 18-200mm 1:3.5-6.3 OS“ hat ein 72mm-Filtergewinde, während das entsprechende Objektiv ohne OS mit den meist günstigeren 62mm-Filtern auskommt.

Soviel zum Thema ‚ruhige Hand‘ und den technischen Helfern für eine ’noch ruhigere Hand‘. Bei Motiven wie dem oben abgebildeten Kirchenaltar im Bonner Münster gibt es jedoch auch meist die Möglichkeit, die Verwacklungsunschärfe dadurch zu vermeiden, dass man die Kamera beim Fotografieren abstützt. Wozu hat eine Kirche beispielsweise Säulen, an die man die Kamera anlegen kann? Oder Sitzbänke zum Aufstützen? Vielleicht darf man sogar ein Stativ verwenden. Damit sind wir beim nächsten Unterthema:

Verwacklung vermeiden: Mit Stativ fotografieren

Bonner Münster, InnenansichtIn den Anfängen der Fotografie war es völlig normal, dass eine Kamera fest auf ein stabiles Stativ montiert war. Bei minutenlangen Belichtungszeiten ging es auch überhaupt nicht anders. Doch heute, wo moderne Kameras Verschlusszeiten von 1/1000 Sekunde oder noch viel kürzer erreichen, halten viele ‚Hobbyknipser‘ ein Stativ für unnötigen Schnickschnack.

Doch wie wir oben bereits gesehen haben, kommt man bei Fotos aus freier Hand schnell an die Verwacklungsgrenze, sobald die Lichtverhältnisse nicht ganz ‚heiter Sonnenschein‘ sind. Das nebenstehende Foto aus dem Längsschiff des Bonner Münsters beispielsweise ist 1,3 Sekunden lang belichtet worden, weil das Objektiv bei der eingestellten Blende 8 Ergebnisse von höherer Qualität bringt als bei seiner Offenblende von 3,5. So etwas geht nur vernünftig mit Stativ.

Beim Kauf eines Stativs sollte man beachten, dass es ausreichend stabil ist, um Kamera und Objektiv stabil und sicher tragen zu können. Wenn die ganze Einheit schon bei leichtem Wind zu schwingen und schaukeln anfängt, ist es eindeutig nicht gerade ein sehr stabiles Stativ.

Eine genaue Ausrichtung der Kamera geht am einfachsten, wenn Kamera und Stativ mit einem Kugelkopf oder einem Neigekopf verbunden sind. Ebenfalls praktisch: Eine Schnellwechselplatte, die am Stativgewinde der Kamera verbleiben kann, so dass sie sich schnell mit einem Handgriff auf dem Stativ aufsetzen bzw. wieder lösen lässt. Ein solches Befestigungssystem ist an vielen Stativen bzw. Stativköpfen bereits vorhanden.

Beim Auslösen einer Spiegelreflexkamera entsteht übrigens immer ein leichtes Zittern, das trotz Verwendung eines stabilen Stativs dazu führen kann, dass das Bild leichte Spuren von Verwacklung zeigt. Hierfür gibt es mehrere Gründe, denen man mit verschiedenen Tricks beikommen kann:

Problem Nr. 1 hierbei ist der Druck auf den Auslöser. Wenn dazu die Kamera berührt wird, kann dies schon zu Verwacklungen führen – es sei denn, man hat ein Stativ, das so stabil ist, dass gewöhnlich darauf nicht Kameras sondern Flugabwehrgeschütze montiert werden. ;-) Wesentlich einfacher als die Mitnahme eines 500kg-Stativs ist jedoch der Anschluss eines Fernauslösers. Kabelfernauslöser gibt es schon für wenige Euronen, und auch drahtlose Modelle sind für viele Kameratypen erhältlich. Wenn man keinen Fernauslöser zur Hand hat, kann man sich aber auch mit der Selbstauslöserfunktion der Kamera helfen, damit der Druck auf den Auslöser nicht zu Verwacklungen führt. In der Rubrik Zubehör wird übrigens ein praktischer Timer-Fernauslöser vorgestellt.

Problem Nr. 2 ist der sogenannte „Spiegelschlag“. Wie bereits als Abbildung in Lektion 1 (Blende und Verschlusszeit) gezeigt, ist während der Belichtung der Blick durch den Sucher dunkel, denn der Spiegel muss aus dem Strahlengang zwischen Objektiv und Verschluss nach oben weggeklappt werden, damit das Licht auf den Film bzw. den Bildsensor fallen kann. Dieser Spiegelschlag gibt der Spiegelreflexkamera nicht nur ihren Namen, sondern auch das charakteristische Auslösegeräusch.

Da beim Auslösen durch Wegklappen des Spiegels im Kameragehäuse eine leichte Erschütterung entsteht, kann diese (insbesondere bei Telebrennweiten) leicht zu Verwacklungsspuren führen. Um dies zu vermeiden, bieten höherwertige Kameras meist eine Funktion namens „Spiegelvorauslösung“ (manchmal einfach „SVA“ genannt) an. Dabei wird der Spiegel nicht erst unmittelbar vor der Aufnahme bewegt, sondern zwischen Spiegelschlag und Foto-Auslösung liegt eine gewisse Zeit, in der sich Kameragehäuse und Stativ nach dem Hochschnellen des Spiegels erst einmal wieder ‚beruhigen‘ können. Meine EOS 5 lässt sich so einstellen, dass bei Verwendung des Zeitauslösers der Spiegel sofort hochklappt (Sucher wird dunkel) und 2 Sekunden später wird das Bild belichtet. Die EOS 20D und ihre Nachfolger machen es ähnlich. Die SVA ist eine praktische Sache, die zu noch schärferen Fotos führt.

Verwacklung vermeiden: Mit Blitz fotografieren

Woodstuff: Lothar
Woodstuff: Lothar

Wesentlich populärer als Mittel gegen Verwacklung ist der Blitz. Kein Wunder, denn er lässt sich sogar in kleinen Sucherkameras und sogar Kamerahandys integrieren. Das Handy möchte ich sehen, in dem ein stabiles Dreibeinstativ mit Kugelkopf eingebaut ist… ;-)

Das Foto von Lothar, Frontman der Band Woodstuff, wurde mit einer Verschlusszeit von 1/60 Sekunde geblitzt. Ohne Blitz wäre es bei einer ungefähr zehnfach längeren Verschlusszeit garantiert verwackelt. Das Bild wurde jedoch nicht mit dem eingebauten Blitz der Kamera aufgenommen, sondern mit einem Aufsteckblitz. Vorteil der meisten dieser Blitzgeräte ist neben der höheren Reichweite auch die Möglichkeit, durch einen schwenkbaren Reflektor die Richtung des Blitzes zu beeinflussen. Um harte Schlagschatten und eine hässliche Frontalbeleuchtung zu vermeiden, wurde hier gegen die Decke geblitzt, von wo aus das Blitzlicht angenehm weich nach unten reflektiert wurde. Das Bild ist zwar weit von einem wirklich guten Portrait entfernt, aber bei Konzertfotografie ist die Möglichkeit, den Blitz benutzen zu dürfen, eine große Hilfe. Natürlich nur, wenn man sich direkt vor oder sogar auf der Bühne aufhält. Wer die Stones im Stadion von der Tribüne aus anblitzt, beleuchtet bestenfalls die Mücken über dem Kopf des Vordermanns. Falls der Autofokus sie erfasst, gibt’s vielleicht ein nettes Makrofoto… :-)

Fotos absichtlich verwischen: Bewegungsunschärfe

Woodstuff: Kalle
Woodstuff: Kalle

Fotos, bei denen das ganze Bild verwackelt ist, sind meistens misslungen und damit unbrauchbar. Dies zu vermeiden war daher Thema der letzten Unterabschnitte dieser Seite. Doch im Gegensatz dazu lässt sich der Verwacklungseffekt auch bewusst als Stilmittel einsetzen. Er kann ein Foto ganz interessant machen, weil der Eindruck von Bewegung entsteht. Wirkungsvoll ist er jedoch meist nur dann, wenn er sich auf bestimmte Bildteile beschränkt, während andere möglichst scharf und unverwackelt abgebildet sind.

Um dies zu verdeutlichen, muss wieder die Bonner Band Woodstuff herhalten – diesmal Gitarrist Kalle. Das Foto wurde mit 1/6 Sekunde Verschlusszeit aufgenommen, also 10mal länger als beim obigen Bild von Lothar. Obwohl der Blitz zugeschaltet war, bestimmt die rötliche Bühnenbeleuchtung die Lichtstimmung des Fotos. Die relativ lange Verschlusszeit zeigt die Virtuosität dieses ‚Akkordarbeiters‘ – sowohl rechte als auch linke Hand haben sich während der Sechstelsekunde ziemlich schnell bewegt. Um dennoch die Finger als solche erkennbar zu machen, wurde schwach dazu geblitzt. Dadurch, dass die Leuchtdauer des Blitzes viel kürzer als die Verschlusszeit von 1/6 Sekunde ist, entsteht trotz der Bewegungsunschärfe dennoch ein scharfes Abbild der Finger zum Zeitpunkt des Blitzes – zum Teil ‚magisch durchleuchtet‘ ;-) von den darunter liegenden Gitarrenseiten. Ergebnis ist ein zwar technisch nicht perfektes, aber wesentlich stimmungsvolleres und durch die Bewegungsunschärfe auch dynamischer wirkendes Bild.

Auch ohne Blitz lassen sich schöne Effekte mit Bewegungsunschärfe erzielen. Gerne wird dies bei der Abbildung von Wasser in Bewegung gemacht. Da ich leider keinen talwärts über schöne Klippen plätschernden Gebirgsbach in unserem Garten habe, bin ich nach Bonn gefahren, um dies anhand eines Brunnens zu demonstrieren, der mit verschiedenen Verschlusszeiten aufgenommen wurde. Deutlich sieht man, wie die Bewegungsunschärfe bei längeren Verschlusszeiten das Wasser geschmeidig fließend darstellt, während es bei kurzen Verschlusszeiten fast wie ‚eingefroren‘ wirkt:

Fontäne mit verschiedenen Verschlusszeiten aufgenommen.

Eine weitere besondere Form der „Bewegungsunschärfe“ entsteht übrigens, wenn man vom Stativ aus in einer dunklen und klaren Nacht den Sternenhimmel mit langer Belichtungszeit fotografiert (z.B. 1 Stunde oder mehr). Man bekommt dann auf dem Foto (bedingt durch die Erddrehung) kreisförmige Strichspuren der Sterne zu sehen, die sich um den Polarstern ‚drehen‘. Noch habe ich solche Bilder nicht selber fotografiert. Aber man findet schöne Beispiele mit der Google-Bildsuche, wenn man nach Strichspuren gurgelt.

Fotos absichtlich verwischen: Mitzieher

Beispiel für ein Mitzieher-FotoBeispiel für ein Mitzieher-FotoBei Motiven, die sich ungefähr quer zur Aufnahmerichtung bewegen, bietet sich auch die Möglichkeit an, durch einen „Mitzieher“ den Hintergrund mit Bewegungsunschärfe verwischt erscheinen zu lassen, während sich das Motiv einigermaßen scharf zeigt, da man die Kamera mit dem Motiv mitgeschwenkt hat. So entsteht der Bildeindruck einer schnellen Fahrt. Auf dem ersten Foto sehen wir Mona, Soziologiestudentin der Uni Bonn im 3. Semester, auf dem Weg von der Mensa zum Hörsaal ihres Instituts. Und das zweite Foto zeigt Lisa, Studentin am Institut für Pflanzenbau, Semester noch unbekannt, auf dem Weg zum Botanischen Garten der Universität Bonn. Beide fotografiert mit einer Verschlusszeit von 1/20stel Sekunde – was bei radelnden Studentinnen ausreicht, um den Hintergrund zu verwischen, während die Radlerinnen noch einigermaßen scharf rüberkommen (fotografisch natürlich) …

Natürlich eignen sich Mitzieher nicht nur für radelnde Studentinnen, sondern auch für Autos, schnelle Pferde, Straßenbahnen und was weiß ich noch alles. Die geeignete Länge der Verschlusszeit variiert jedoch erheblich. Für einen Formel-1-Wagen bei hoher Geschwindigkeit wird vermutlich schon 1/500stel Sekunde ausreichen, um den Hintergrund gut zu verwischen. Würde man den Rennwagen (wie die Radlerinnen) mit 1/20stel fotografieren, dann würde vermutlich auch das Auto zu unscharf für ein gelungenes Mitzieher-Foto. Die Verschlusszeit sollte man daher passend zur Schwenkgeschwindigkeit nicht zu lang wählen, damit das Hauptmotiv möglichst scharf abgebildet wird. Probiert es einfach aus. Auch wenn eine Menge Ausschuss produziert wird, macht es einfach Spaß.

Bei Gelegenheit werde ich Euch hier noch ein paar weitere Mitzieher präsentieren – sobald ich mit dem Scannen älterer Bilder bei den entsprechenden Filmen angekommen bin (oder sobald ich etwas gelungenere neue Mitzieher fotografiert habe). Denn es ist ja nicht so, als würde ich nur auf Studentinnenjagd im Großstadtdschungel gehen. Die Polizei im verwischten Hintergrund des Bildes von Mona stand auch nicht wegen mir dort… :-)

Eine Idee für einen besonderen Mitzieher zum Thema „Geschwindigkeit ist relativ“ geistert mir schon seit Jahren durch den Kopf – aber ich habe keine Ahnung, ob ich das jemals vorzeigbar umgesetzt bekomme: Statt einen Rennwagen in hundertstel Sekunden zu zeigen, könnte man doch auch mal eine Schnecke fotografieren, die mit ihrem hübschen Schneckenhaus den Weg entlang’rast‘. Verschlusszeit vermutlich 5-20 Sekunden (?), je nach Rennlaune und Tagesform der Schnecke. Vermutlich bräuchte man aber eine motorische Nachführung, die das Schneckenhaus genau im Visir hält, damit es nicht verwackelt. Vielleicht klappt es aber auch mit meinem Getriebeneiger auf dem Stativ.

Nach so viel „hab ich noch nicht und würde ich gerne mal“ wird es nun langsam Zeit, auf das nächste Thema zu sprechen zu kommen. Nachdem nun auf dieser und der vorigen Seite einige Grundlagen zu Schärfe und Verwacklung betrachtet wurden, fehlt noch ein ganz wichtiger Aspekt: Die Schärfentiefe. Darum geht es in Lektion 6.

Exzessive Verwackler: Woodstuff

 

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Anfängerkurs, Lektion 4

Knackig scharf: Fokussierung und Schärfe

Abgesehen von falscher Belichtung gehören zu den häufigsten Foto-Fehlern Bilder, die unscharf oder verwackelt sind. Unschärfe und Verwacklung werden häufig miteinander verwechselt, auch wenn es sich um verschiedene Effekte handelt. Sicherlich trägt es mit zur Verwechslung dieser Begriffe bei, dass man bei Verwacklung auch von Verwacklungs-Unschärfe bzw. Bewegungs-Unschärfe spricht, auch wenn es sich eigentlich nicht um Unschärfe handelt. Daher zunächst einmal eine kurze Erklärung der beiden Begriffe Unschärfe und Verwacklung:

Unschärfe

Fast alle Objektive (zumindest bei höherwertigen Kameras) haben eine Vorrichtung zur Scharfstellung auf das gewünschte Motiv. Entweder wird von Hand scharf gestellt, oder ein Autofokus-System nimmt dem Fotografen diese Arbeit ab.

Dabei kann es natürlich zu Problemen kommen, beispielsweise wenn der Autofokus nicht das gewünschte Motiv „erwischt“, sondern ein anderes im Bild befindliches Objekt. Zum Beispiel einen Fußgänger, der gerade zufällig ins Bild läuft, während man doch das Beethovendenkmal und die Hauptpost in Bonn fotografieren wollte. In solchen Fällen hilft nur ein zweiter Versuch – diesmal am besten bei freier ‚Schusslinie’…

Merken sollte man sich, dass Unschärfe (im Gegensatz zu Verwacklung) nichts mit der Verschlusszeit zu tun hat. Das abgebildete Beispiel wurde mit 1/2000 Sekunde fotografiert, da verwackelt selbst bei Schüttelfrost oder Parkinson nichts. Unschärfe entsteht vielmehr meist durch ‚falsche‘ Fokussierung, also eine falsch eingestellte Entfernung am Objektiv.

Natürlich ist Unschärfe nicht immer als ein Fehler anzusehen, sondern kann auch absichtlich als gestalterisches Mittel eingesetzt werden, wie z.B. bei meinen gefürchteten Glaskugel-Fotos oder bei diesem Mailand-Foto von meiner Homepage, bei dem der Hintergrund absichtlich in Unschärfe verschwimmt. Auch bei Portraits wird gerne mit einem unscharfen Hintergrund gearbeitet. Mehr dazu später in Lektion 6 über Schärfentiefe.

Verwacklung

Wenn ein Bild trotz richtiger Scharfstellung einen ‚unscharfen‘ Eindruck macht, dann liegt es meist daran, dass es verwackelt ist. Verwacklung entsteht, wenn sich die Kamera während der Verschlusszeit relativ zum Motiv bewegt. Auf dem abgebildeten Foto habe ich es absichtlich übertrieben, und beim Drücken des Auslösers mit der ganzen Kamera eine Nickbewegung gemacht. Die Teelichter hinterlassen so sehr interessante Spuren (Foto anklicken, um es größer zu sehen), aber die ganze Aufnahme erscheint verwischt.

Um Verwacklung zu vermeiden, sollte man entweder eine ausreichend kurze Verschlusszeit wählen, oder ein Stativ verwenden. Natürlich sind eine ‚ruhige Hand‘ beim Fotografieren oder die Verwendung eines Blitzgerätes ebenfalls gute Mittel gegen verwackelte Fotos. Mehr über Verwacklungsunschärfe in der folgenden Lektion 5. Denn hier in diesem Abschnitt soll die Fokussierung, also die korrekte Entfernungs- bzw. Schärfeeinstellung am Objektiv unser Thema sein.

Manuelle Scharfstellung

Auch wenn moderne Kameras mit Autofokus ausgestattet sind, lassen sich Spiegelreflex-Kameras bzw. deren Objektive auch heute noch auf Scharfstellung ‚von Hand‘ umschalten. Denn in gewissen Situationen hat die manuelle Fokussierung durchaus ihre Vorteile gegenüber der Automatik:

Beispielsweise lassen sich durch manuelles Scharfstellen Fehler wie im obigen Beispiel, wo ‚versehentlich‘ (okay, ich geb’s zu, es war natürlich Absicht für diesen Fotokurs) auf das falsche Objekt scharfgestellt wurde, einfach vermeiden. Auch kann es sein, dass der Autofokus bei schwachen Lichtverhältnissen und einem Motiv mit geringen Kontrasten Probleme hat, korrekt scharfzustellen. Da bietet es sich unter Umständen an, den Autofokus einfach abzuschalten.

Ältere Spiegelreflexkameras haben zur Scharfstellung meist einen eingebauten Schnittbildindikator (und Mikroprismenring). In der Mitte der Sucher-Mattscheibe sieht man zwei Halbkreise, die das Motiv versetzt zeigen, solange nicht darauf scharfgestellt ist. Wenn korrekt fokussiert ist, sieht man das Motiv durchgehend, also ohne seitlichen Versatz. Ich habe versucht, diesen Effekt in den folgenden Abbildungen nachzuahmen.

Schnittbildindikator

Bei moderneren Autofokus-Kameras wird dieser praktische Schnittbildindikator leider meist nicht mehr eingebaut. Dafür sieht man jedoch auf der Mattscheibe die Autofokus-Messfelder, die auch beim manuellen Fokussieren kurz aufleuchten, wenn man die richtige Scharfstellung gefunden hat.

Autofokus

Der Autofokus moderner Spiegelreflexkameras ist für die meisten fotografischen Anwendungen eine echte Arbeitserleichterung. In vielen Situationen findet er die richtige Fokussierung weitaus schneller und/oder präziser, als dies mit manueller Scharfstellung möglich ist.

Dennoch sollte man ein wenig Grundwissen über die Arbeitsweise des Autofokus mitbringen, um effektiv damit arbeiten zu können. Denn die automatische Scharfstellung ist ja keine Zauberei, sondern ein Werkzeug, dessen richtige Handhabung wie immer gelernt sein will.

Die Abbildung zeigt ein Fotomotiv, wie es bei Blick durch den Sucher und halb durchgedrückter Auslösetaste an der Canon EOS 20D erscheint. Die Autofokus-Messfelder dieser Kamera erscheinen auf der Mattscheibe als 9 Kästchen, von denen eines oder mehrere rot aufleuchten, wenn dort korrekt fokussiert ist.

Bei anderen Spiegelreflex-Kameras ist die Anordnung der AF-Messfelder unterschiedlich – meine ‚analoge‘ EOS 5 beispielsweise hat 5 Messfelder in einer waagerechten Reihe. Über die Bedientasten der Kamera lässt sich auswählen, ob alle AF-Messfelder aktiv sind, oder nur ein bestimmtes Messfeld.

Hier hat sich in der Praxis herausgestellt, dass es viele Fotografen bevorzugen, nur das zentrale Autofokus-Messfeld voreingestellt zu haben. Erstens hat es bei vielen Kameras eine höhere Genauigkeit als die anderen Felder, und zweitens passiert es dann auch nicht so leicht, dass der Autofokus das falsche Objekt ‚erwischt‘ – ähnlich wie im ersten Bildbeispiel auf dieser Seite.

Dieses Scharfstellen auf die Bildmitte trägt vermutlich zu dem weitverbreiteten Vorurteil bei, Autofokus-Fotografen würden sozusagen auf allen Bildern immer das Hauptmotiv langweilig in der Mitte platzieren. Aber auch der Schnittbild-Indikator an Kameras mit manuellem Fokus befindet sich ja mittig auf der Mattscheibe. Und genauso, wie der manuell fokussierende Fotograf zwischen Scharfstellung und Auslösung noch den Bildausschnitt durch Schwenken der Kamera korrigieren kann, kann dies der Autofokus-Benutzer ebenfalls. Bei halb durchgedrückter Auslösetaste speichert die Kamera die eingestellte Fokussierung und man kann entsprechend schwenken. Bei dem abgebildeten Grashüpfer habe ich allerdings darauf verzichtet, weil ich nicht wusste, wie lange er (bzw. mein Arm) ruhig halten würde. Den endgültigen Bildausschnitt für die Galerie habe ich erst bei der Nachbearbeitung am PC festgelegt – Grashüpfer leicht außermittig…

Autofokus-Modi

Das Autofokus-System moderner Spiegelreflex-Kameras lässt verschiedene Einstellungen zu, die ich hier kurz am Beispiel der Canon-EOS-Kameras erläutern werde. Je nach Motiv-Situation sollte man sich für den passenderen Autofokus-Modus entscheiden:

Schärfepriorität „ONE SHOT“: In der Einstellung „One Shot“ wird erst ausgelöst, nachdem mindestens eines der Autofokus-Messfelder die korrekte Scharfstellung gemeldet hat. Man drückt also den Auslöser halb durch, während man das Motiv an der passenden Stelle anvisiert. Die Fokussierung wird dann gehalten, solange man den Auslöser halb gedrückt hat. Auslösen kann man erst, wenn der Autofokus was zum Scharfstellen gefunden hat. Dieser Modus ist vor allem geeignet für Objekte, die sich nicht bewegen.

Auslösepriorität „AI SERVO“: Bei ‚Actionfotos‘ mit schnellen Bewegungen kommt „Ai Servo“ zum Einsatz. In diesem Modus fokussiert die Kamera ständig nach, solange man den Auslöser halb gedrückt hält. Es lässt sich auch auslösen, wenn evtl. noch nicht exakt scharfgestellt ist. Sofern es einem gelingt, das AF-Messfeld immer auf dem Objekt zu halten, ist es meist ziemlich genau in der Schärfezone. Gerät das aktive Autofokus-Messfeld jedoch auf den Hintergrund (wie im Beispiel fast geschehen), dann würde die Kamera natürlich beginnen, dorthin zu fokussieren.

Darüber hinaus gibt es noch den Modus „AI FOCUS“, der genaugenommen aber keinen eigenen Modus darstellt, sondern eine Kombination der beiden beschriebenen Modi ist. Die Kamera erkennt in diesem Falle selber, ob es sich um ein statisches oder um ein bewegtes Motiv handelt, und schaltet den Autofokus daher in die (ihrer Meinung nach) passendere Betriebsart um. Praktisch vor allem für diejenigen, die den Knopf zum Umschalten nie finden. :-)

Nachdem wir nun die Grundlagen von Schärfe und Fokussierung betrachtet haben, geht es in Lektion 5 dieses Fotokurses etwas ausführlicher um den oben schon angesprochenen Begriff der Verwacklung. Denn richtig eingesetzt, lassen sich durch absichtliches Verwischen durchaus Effekte erzielen, die fotografisch interessant sind.

Echt scharf: Bonn in der Glaskugel